Was, zum Kuckuck. Hat. Hans Neuenfels geritten. Dass er. Uns. Antigone, die wunderbare. Im gebrüllten Stechschritt vor die Lätze knallt? Zwei lange Stunden, Satz um Satz zerhackt, verschluckt und röhrend ausgespuckt, mit Volldampf und der Kraft von Hantelstemmern. Ein jedes Wort von gleicher Wucht und also gleicher Ohnmacht, man hört nun wirklich alles – und versteht kaum was.

Und dabei stünden in diesem uralten Text des Sophokles so viele grad heute uns erregende Themen zur Debatte: Diktatur und Unterwerfung, Männerwert und Frauenunwert, die Ehre der Familie, die Rechte und Pflichten der Ethik: Muss, darf man Befehlen gehorchen, die göttlichem Gebot und menschlichem Recht widersprechen? "Dafür zeugt man Söhne, um treue Untertanen im Haus zu haben", sagt König Kreon, und: "Wen sich das Volk erkor, dem gilt‘s zu folgen – ob gerecht, ob ungerecht." Dann tröstet er Sohn Haimon, dessen Braut Antigone er soeben zum Tod verurteilt hat: "Es sind noch andre Äcker da zum Säen." Ismene aber belehrt ihre Schwester Antigone: "Wir müssen lernen, dass wir Frauen sind, mit Männern uns zu messen nicht bestimmt."

Was macht nun Neuenfels, um derlei abstruse Sentenzen als gefährlich dummes Zeug zu demaskieren? Genau das Falsche. Statt die Diskussion der Thesen und Behauptungen in ihrer Gefährlichkeit unsrer scharfen Überprüfung auszuliefern, haut er aufs Theaterblech und jagt die Spielfiguren wie Marionetten über die Weite der Bühne: Katrin Konnan spinnt im Hintergrund ein bläuliches Himmelstuch, bedruckt mit dem hübschen Satz "Der Krieg ist vorbei. Das Lied der Vögel könnte beginnen"; links ist ein schrankhoher Verschlag, hinter den sich nach Bedarf Elisabeth Trissenaar (als Volk von Theben) zurückzieht, in der rechten Bühnenhälfte steht turmhoch ein Kistenschrein, woraus nackt zwei graue Zementriesen dräuen. Wie zum Transport für eine Kunstausstellung sind sie mit einigen Querbrettern gesichert, der eine obendrein unter ein Joch gezwängt, der andre mit Eisenstab als Unterschenkel. Was stellen die beiden dar? Etwa die Brüder Eteokles und Polyneikes, die einander beim Kampf um Thebens Regentschaft erschlagen haben? Oder Götter? Denn zweimal werden die, mit Blick zu den Riesen, angerufen ... sehr seltsam. Auf jeden Fall verleiht das Arrangement dem Drama etwas Rätselhaftes inmitten der messerscharfen Dialoge des Sophokles.

Aber leider, wie gesagt, mit der Messerschärfe ist es bei Neuenfels nicht weit her. Er hat zu viele Opern inszeniert und setzt nun ganz auf Kreisch-Duette im Fortissimo, und besonders liebt er die Stretta hinein ins erschreckte Publikum. Doch es entsteht einfach keine Musik, es fehlen die Trompeten, die Pauke, die Elefanten.

Neuenfels zeigt keine Menschen, sondern Kasperlfiguren, die "Theater" spielen müssen.

Gleich anfangs – es rollen Meereswogen, Möwen kreischen (mag Theben noch so sehr im Landesinneren liegen), Licht dämmert herauf, ein Wummern wird rhythmisch laut – da hocken an der Rampe zwei Frauen vorm weißen Vorhang: Ismene (Anna Graenzer, dunkel) und Antigone (Valery Tscheplanowa, hell), und weil Antigone ihren Kopf zugleich mit Paukenschlägen auf die Bühne knallt, so wummert’s eben zwischen den Fragen, ob man den toten Bruder unter die Erde bringen oder dem Verbot gehorchen soll. Dann hebt sich der Vorhang, und Kreon zeigt sich in bodenlang weißem Hemdkleid, darüber ein schwarzes Jackett, unsicher schon im Kostüm; so auch die Haltung, gedrosselt bis zur Haarspitze, der Mund verkniffen; Norman Hacker bleibt sich bis zum Ende treu, mehr ist da nicht.

Ein Wächter stürzt herein und kobolzt wie Arlecchino im Diener zweier Herren – hechelnd in seiner Gier, vorm König kriechen zu dürfen; er flattert mit Armen und Beinen, spielt alles illustrierend vor, macht Geierschreie, wenn er vom Geier spricht, wobei die streng griechisch begonnene Tragödie zur italienischen Burleske verfällt. Wenn später ein Bote Mord und Selbstmord verkündet, hat man ein Déjà-vu: auch Thomas Huber ist von der Regie gehalten, sich zu krümmen, zu schluchzen und im Jammer zu vergehen: "Ich kann nicht, nein, ich kann das nicht ...", bis aus der elendslangen Erzählung aller Geist entwichen und in ein Schmierengespenst gefahren ist.

Noch haben wir die zwei entsetzlichsten Untaten nicht erwähnt: Knarrend, von einem Sklaven geschoben, rollt in einem Gitterwägelchen herein Teiresias, der ewige Seher (Michele Cuciuffo), halb tot, zerlumpt über die Gitterstäbe gekrümmt, nach grauenvoller Epilepsie mit Gegurgel weissagend. Gruselkintopp. Dann eine Barbiepuppe, die im Silberglitzerkleid mit so grade noch gehaltnem Busen aus der Kulisse gleitet und vermutlich Kreons Weib darstellt, beim Bericht all der Gräuel steif und stumm nur einmal in der Hüfte knickt, bevor sie wieder rätselhaft in die Kulisse abschiebt. (Sie alle haben scheußlich bemühte Kostüme.)

Zehn Wochen konnte Hans Neuenfels das überschaubare Stück proben und hat sich offenbar mehr und mehr verkrampft dabei. Und keiner hat ihm sagen können, dass er einer Geschmacksverwirrung hinterherstiefelte. Was nun wirklich mehr als schade ist – wegen Sophokles und wegen Neuenfels. Und wegen der Zuschauer, die allerdings – das muss gesagt werden – ziemlich stark klatschten.