Als es Abend wird über Schloss Ulrichshusen und sich 50 YouTuberinnen um ein Lagerfeuer hocken, in den Händen ihre Smartphones, mit denen sie ihre zusammen 70 Millionen Follower auf dem Laufenden halten, fallen der Gastgeberin fast die Augen zu. Aus aller Welt hat Ida Tin die jungen Frauen in die mecklenburgische Pampa einfliegen lassen, um ihnen die Geschichte ihres Start-ups zu erzählen, um mit ihnen über ihre Träume als Unternehmerinnen zu reden und über die weibliche Periode.

GirlyAddict, KrazyRayRay, StyleTonic und die anderen filmen und fotografieren: das Buffet, die Köchin, einander. Und natürlich Ida Tin, mit deren Smartphone-App Clue schon sechs Millionen Frauen ihren Zyklus dokumentieren. Die Videos der YouTuberinnen sollen die App noch bekannter machen. Am Lagerfeuer spielt jetzt ein Singer-Songwriter auf der Gitarre und singt dazu, Funken fliegen in den Himmel, man liegt sich in den Armen, wiegt sich im Takt. Nur Ida Tin will zurück nach Berlin, wo die Dänin mit ihrem Mann und ihren Kindern lebt: Ihr Sohn wurde gerade eingeschult, ihr Vater hat Geburtstag. Eine kurze Rede noch, Dank an alle, Applaus, und Ida Tin ist weg.

Zwei Tage später wird die 37-Jährige weiterreisen, von Berlin nach San Francisco, Seattle, Lissabon, Helsinki. Sie wird auf Konferenzen auftreten, die Slush heißen und Techcrunch Disrupt und auf denen sich die angesagtesten Start-up-Entrepreneure der Welt treffen und solche, die es werden wollen; Menschen, von denen die meisten in einem Punkt anders sind als Ida Tin: Sie sind Männer. Tin wird mit männlichen Geldgebern über frisches Kapital für ihr Unternehmen verhandeln, und sie wird von ihnen 20 Millionen Dollar bekommen – mehr als die meisten Gründerinnen vor ihr.

Wenn Investoren sich Geschäftsideen ansehen, investieren sie lieber in Männer

Die Gründerszene ist ein Männerverein. Im Mittelpunkt stehen vor allem die Jungs: Männer wie Mark Zuckerberg (Facebook) oder in Deutschland Oliver Samwer (Rocket Internet). Die Schieflage setzt sich auf allen Ebenen fort: in der Jury von Die Höhle der Löwen, der populärsten Gründersendung im Fernsehen, bei den Entrepreneurship-Professoren, bei den Gründungsberatern, selbst im Bundesverband Deutsche Startups, der sich für mehr Gründerinnen starkmacht. Auch dort sind neun von zehn Vorständen männlich. Dem Deutschen Startup Monitor zufolge sind nur 13,9 Prozent der Start-up-Gründer in Deutschland weiblich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Nun könnte man vermuten, dass Frauen weniger daran interessiert sind, Unternehmen zu gründen. Doch selbst wenn das stimmen sollte: Das Missverhältnis erschwert ihnen auch den Weg in die Selbstständigkeit. Weil es abschreckende Auswüchse hat: Im vergangenen Jahr stellte ein Kölner Gründer Fotos vom Treffen des einflussreichen Gründer-Netzwerks Entrepreneurs’ Organization ins Netz, aufgenommen in der Villa des Playboy- Gründers Hugh Hefner, das Sushi wurde auf nackten Damen serviert. Und die populäre Berliner Technologiekonferenz Noah sorgte in diesem Sommer für Schlagzeilen, weil dort Escort-Damen ihre Dienste anboten. Abgesehen davon, fanden sich unter den mehr als 100 Rednern nur etwa zehn Frauen: "Na, fällt euch etwas auf?", twitterte Ida Tin lakonisch.

Wenn sich über solche Zwischenfälle etwas Positives sagen lässt, dann nur, dass es hinterher einen Shitstorm gab, einen Sturm der Entrüstung im Netz. Meist nicht publik werden aber die Geschichten, die Gründerinnen hinter vorgehaltener Hand erzählen, etwa darüber, wie sie sich in Gesprächen mit Investoren zweideutig angesprochen fühlen. Dass sie weniger Erfolgschancen haben, zeigen Experimente aus den USA: Wenn Investoren sich Geschäftsideen ansehen, investieren sie lieber in Männer – womöglich weil sie gezielt oder unbewusst nach Ebenbildern suchen. "Es gab immer Frauen mit tollen Ideen", sagt Ida Tin, "aber es fiel ihnen bisher schwerer als Männern, für die Umsetzung Geldgeber zu finden."