DIE ZEIT: Herr Nagel, mit Ihrem Verein klären Sie jedes Jahr etwa 14.000 Schüler auf. Inzwischen haben Sie ein Archiv zusammengetragen, um das Eltern und Sexforscher Sie beneiden können. Darin steht, was deutsche Jugendliche über Sex wissen oder genauer: was sie gern darüber wüssten.

Daniel Nagel: Ja, wir belehren die Leute nicht, sondern lassen sie ihre drängendsten Fragen stellen. Unsere Workshops in den achten und neunten Klassen beginnen damit, dass wir die Schüler anonym auf Karten schreiben lassen, was sie von uns über Sex wissen wollen. Einen Teil davon heben wir auf.

ZEIT: Und diese 14- bis 15-Jährigen wissen nicht schon alles? So will es doch das Klischee.

Nagel: Ich weiß: die Generation Porno, die mit 13 schon in den Büschen landet. Wir merken, wie dieses Image Teenager unter Druck setzt. Sie prahlen mit Erfahrungen, auch wenn sie noch gar keine haben. Und weil sie so erwachsen tun, wird Aufklärung nicht mehr ernst genommen.

ZEIT: Sehen die Eltern das nicht mehr als ihre Aufgabe an?

Nagel: Ich glaube, es gibt wenig Austausch in der Familie. Das war schon zu meiner Zeit so. Es ist einfach für beide Seiten peinlich. Für die meisten Schüler ist der Ansprechpartner heute deshalb das Internet …

ZEIT: … wo man alles findet und nicht weiß, was davon man glauben soll.

Nagel: Wir haben eine Umfrage gemacht, bei der rauskam, dass jeder vierte Jugendliche einen Gesprächspartner für Sexthemen vermisst. Der wollen wir sein. Darum ist unserem Verein der geringe Altersunterschied so wichtig. Ich bin jetzt 24, in zwei Jahren fliege ich raus, bevor die anfangen, mich zu siezen.

ZEIT: Sie rücken mit Kondomen und Gummipenissen an. Wie muss man sich die Atmosphäre im Klassenzimmer vorstellen?

Nagel: Es fängt oft mit Gekicher an; und wenn Sie so heißen wie ich, also Nagel, gibt das schon den ersten Lacher. Jede Klasse hat ihre Jungsclique, die hinten in der Ecke sitzt und gern mal versucht, uns mit extremen Fragen zu provozieren.

ZEIT: "Was ist, wenn ich nach einem Blowjob in eine Messerstecherei gerate?" – das meinen die nicht ernst, oder?

Nagel: Doch. Manche konstruieren extrem komplizierte Situationen, obwohl sie eigentlich etwas ganz Einfaches wissen wollen. Und werden ganz still, wenn sie merken, dass wir auf ihre Fragen eingehen.

ZEIT: Fragen Mädchen anders?

Nagel: Die brauchen meist länger, stellen aber dann sehr technische Fragen. Viele haben ja ältere Freunde und darum schon mehr Erfahrung. Das schüchtert die Jungs in den Klassen ein. Da heißt es dann: "Du Schlampe!" Aber auf Dauer schweißt es die Gruppe zusammen, wenn alle merken, dass sie die gleichen Ängste haben.

ZEIT: Aus vielen der Fragen in Ihrer Kartei liest man tatsächlich Angst – vor HIV, vor Schmerzen oder davor, sich zu blamieren.

Nagel: Daran hat sich seit Dr. Sommer in der Bravo wenig geändert. Und es geht um Normalität: "Ist es normal, dass meine Brüste unterschiedlich groß sind?", "Wie lang ist ein durchschnittlicher Penis mit 14 Jahren?" In der Pubertät gibt es so unglaublich viel Unsicherheit. Jeder will Durchschnitt sein, in der Masse untergehen. Und der Geschlechtsakt ist in dem Alter ein Riesenmysterium.

ZEIT: Jetzt klingen Sie selbst wie ein Bio-Lehrer.

Nagel: Die ZEIT macht mich hier so seriös, aber im Kontakt mit der Zielgruppe rede ich schon vom Ficken. Sobald man gestelzt rüberkommt, ist man raus. Schwierig wird es, wenn die Leute verletzend sind in ihrer Sprache. Wir finden es als Organisation nicht toll, wenn einer sagt: "Ich knall die Alte." Da ist es ein Drahtseilakt, ob man ihn für seine Offenheit abstraft oder ob man sagt: "Dann knall die Alte, aber mit Gummi."

ZEIT: Das hilft?

Nagel: Wir haben schnell gelernt, dass man nichts erreicht, wenn man den Leuten Wikipedia-Vorträge hält. Früher oder später landen sie mit jemandem im Bett, der keine Lust hat auf Kondome. Da kommen dann Sachen wie "Liebst du mich nicht?" oder "Seh ich krank aus?". Die beste Vorbeugung ist, wenn Menschen sich offen darüber austauschen können, was sie möchten und was nicht. Dafür wollen wir eine Plattform bieten.

ZEIT: Verändert einen diese Arbeit?

Nagel: Sie macht offener. Und es gibt einem Sicherheit, wenn man die meisten Sexfragen beantworten kann.

ZEIT: Darf ich mich davon überzeugen? Auf dieser Karte zum Beispiel steht: "Was kostet ein Dildo?"

Nagel: Das ist eine Qualitätsfrage. Die, die wir verwenden, um mit Kondomen zu hantieren, kosten um die zehn Euro. Aber ein richtig echter mit Adern und so liegt locker bei 30 Euro oder auch viel mehr.

ZEIT: "Was passiert, wenn eine Frau Viagra nimmt?"

Nagel: Ach Gott. Fällt mir jetzt nicht ein, wahrscheinlich wird da auch irgendwas mit den Schwellkörpern passieren.

ZEIT: Glaubt man seriöseren Studien, dann gibt es keine Generation Porno. Die Jugendlichen haben den ersten Sex mit 16 oder 17 in einer festen Beziehung, das ist sogar ein wenig später als noch vor ein paar Jahren.

Nagel: Die Leute kommen heute leichter an Pornografie, aber beziehen sie nicht auf ihr Leben.

ZEIT: Ist Liebe noch ein großes Thema?

Nagel: Mehr, als man denkt, auch wenn kaum einer darüber spricht.

ZEIT: Kann man einem 14-Jährigen eröffnen, dass der "Geschlechtsakt" zeitlebens ein Riesenmysterium bleibt?

Nagel: Wahrscheinlich – wenn es denn stimmt. Stellen Sie mir diese Frage in 60 Jahren noch mal.