Wie jetzt? Ausgerechnet China rettet nun die Welt? Das Land, dem Barack Obama vorwarf, ein Trittbrettfahrer zu sein? Ja: Im Moment scheint sich ausgerechnet die chinesische Führung in die Bresche zu werfen, um Teile der internationalen Ordnung aufrechtzuerhalten, die gerade auch die USA mit viel Mühe aufgebaut haben.

Beispiel Klimawandel. Lange kursierte in China die Verschwörungstheorie, dass sich die USA das Ganze nur ausgedacht hätten, um die chinesische Wirtschaft klein zu halten. Jetzt erklärt Donald Trump, der Klimawandel sei eine "chinesische Erfindung", mit dem Ziel, die amerikanische Wirtschaft auszubremsen. China werde in seinen Klimaanstrengungen nicht nachlassen, erklärte daraufhin die chinesische Führung – hohe chinesische Beamte drängten Trump, das Gleiche zu tun.

Beispiel Welthandel. Trump liebäugelt mit einer sehr protektionistischen und isolationistischen Wirtschaftspolitik. Er spricht darüber, als handele es sich um einen patriotischen Wettbewerb, bei dem ein Land dem anderen die Jobs wegschnappe. Die anderen sind demnach keine Partner, sondern Gegner. "Wir können es nicht zulassen, dass China weiterhin unser Land vergewaltigt", kündigte Trump im Wahlkampf an. Und drohte damit, chinesische Waren mit einer bis zu 45-prozentigen Zollgebühr zu belegen. Selbst viele seiner Anhänger hoffen, dass er die Ankündigungen nicht wahr machen wird, würde dies doch wahrscheinlich einen Handelskrieg nach sich ziehen – und der würde beiden Seiten schaden, gerade auch einem amerikanischen Flugzeughersteller wie Boeing.

Wie anders klingt da der chinesische Präsident Xi Jinping, der jetzt erklärte: "Offenheit ist die Lebensader der regionalen Wirtschaft." Die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua feierte China und Asien daraufhin als "Avantgarde" einer globalen ökonomischen Renaissance. Das mag nun doch etwas übertrieben sein. Ob China auch selbst mehr Offenheit praktizieren will, also künftig auf eigene Schutzzölle und Dumping im Exportsektor verzichtet, ist fraglich. Noch sorgen sich nicht nur Amerikaner, sondern auch Europäer wegen Pekings staatlich gesteuerter Marktstrategien.

Aber eines ist gewiss: In nur einem Monat hat Trump die amerikanisch-chinesischen Beziehungen kräftig aufgemischt. Nicht bloß, weil er offen mit dem Gedanken spielte, mit der Ein-China-Politik zu brechen, nach der Taiwan als Teil Chinas verstanden wird – und damit Peking entsetzte. Vor allem öffnet Trump China wirtschaftspolitisch neue Horizonte. So erklärte er, dass er bereits an seinem ersten Amtstag aus dem Trans Pacific Partnership (TPP) aussteigen werde, einem ehrgeizigen Handelspakt, der zwölf pazifische Nationen umfasst. TPP war eines der Schlüsselprojekte von Barack Obamas viel erklärtem, aber wenig konkretisiertem Vorhaben, den Schwerpunkt der amerikanischen Außenpolitik nach Asien zu verlegen. Mit TPP wollte Obama beweisen, dass die USA die Wirtschaftsagenda in Asien bestimmen können – ganz ohne China, das erst später beitreten dürfe, wenn die Regeln gesetzt wären. Und nun sind es die USA, die bei diesem Freihandelsabkommen außen vor bleiben.

"Wenn Trump TPP nicht unterzeichnet, ist das gut für China", sagt Mao Zhenhua, Gründer und Chairman von Chinas erster Rating-Agentur Chengxin. China sei von diesem Abkommen ausgeschlossen, und viele Chinesen seien wütend darüber. "Mit TPP wollten die USA andere Länder in Asien vereinen und Chinas Einfluss eindämmen, jetzt macht Trump Raum frei für uns", sagt Mao. "Das heißt, wir können unsere Beziehung zu diesen asiatischen TPP-Ländern verbessern und einflussreicher werden."

Wenn sich die USA mehr und mehr zurückziehen: Was wird das für China bedeuten, für Asien und den Rest der Welt? Schon gibt es Politiker wie den gerade zurückgetretenen neuseeländischen Premierminister John Key, der eine neue Führungsrolle Chinas fordert. "Bei TPP ging es darum, dass die USA Führung in der asiatisch-pazifischen Region zeigten. Wir hätten die USA gern in der Region. Aber wenn sie nicht da sind, muss die Lücke gefüllt werden, und sie wird von China gefüllt werden."

Die Verschuldung des Landes ist auf 260 Prozent gestiegen

Ganz so einfach ist das allerdings nicht. Sollten sich die USA einigeln, wird das China viele neue Chancen eröffnen, von einer wirklichen Führungsrolle ist das Land aber weit entfernt. Davon abgesehen, dass einige asiatische Länder das auch gar nicht wollen würden, vorneweg Japan und Vietnam, die sich mit China um Inseln streiten. Selbst die parteinahe nationalistische chinesische Zeitung Global Times räumt ein: "Was die umfassende Stärke angeht, kann sich China noch lange nicht mit den USA messen. Es kann die Welt nicht führen, außerdem sind weder die Welt noch China psychologisch schon so weit." Die Führung ist vollauf mit den sozialen und politischen Folgen des Transformationsprozesses beschäftigt – und auch die wirtschaftlichen Herausforderungen sind gewaltig.

China wächst noch immer – die Probleme seiner Volkswirtschaft aber werden immer offensichtlicher. "Chinas Schuldenproblem ist seit 2008 immer ernster geworden", sagt Mao Zhenhua. Die Verschuldung von Staat, Unternehmen und Privatpersonen, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, ist im vergangenen Jahrzehnt von 150 auf 260 Prozent gestiegen, Chinas Schulden sind also inzwischen zweieinhalbmal so groß wie seine Wirtschaftskraft – das sind Zahlen, die man aus Ländern kennt, die später in die Krise geschlittert sind. Firmen sind dabei mit Abstand die größten Schuldner, vor allem Staatsbetriebe. "Und sie denken gar nicht daran, die Schulden zurückzuzahlen", sagt Mao Zhenhua. "Sie wollen immer nur noch mehr Geld leihen."