Der Nikolaustag am Mittelmeer. Lau wie im Frühling ist die Luft in Barcelona. In den kurzärmeligen Trikots ihrer Mannschaft, eine grüne Weihnachtsmannmütze auf dem Kopf, stromern die Anhänger von Borussia Mönchengladbach über die Plaça de Catalunya und trinken sich warm für das letzte Champions-League-Spiel ihres Vereins für lange Zeit. Einmal noch dürfen sie mitspielen bei den Besten der Welt, gegen Messi, gegen Iniesta. Fast 8.000 Fohlen-Fans pilgern nach Camp Nou, zum legendären Barça-Stadion. Unter ihnen: Christian Petzold, preisgekrönter Filmregisseur, Herzensborusse seit Kindertagen. Wie sieht er, der Cineast mit dem unbestechlichen Blick für die Symbolik der Details, das Spiel, den modernen Fußball überhaupt? Es ist schon dunkel, als wir uns der Lichtglocke über Camp Nou nähern.

Christian Petzold: Jedes Stadion ist ein Versprechen, alles ist voller Möglichkeiten. In seinem tollen Buch Masse und Macht erklärt Elias Canetti, warum das so ist: "Im Stadion sitzt jeder mit dem Rücken zum Alltag." Das gilt für die VIPs genauso wie für die Fans auf den Stehplätzen, in Braunschweig genauso wie in Barcelona. Dieses Reinkommen in die Arena, die alles fokussiert, ist wie eine Erleuchtung. In jeder Stadt, in der ich bin, gehe ich ins Stadion, egal ob in Agadir oder Istanbul. Nur in Gladbach war ich noch nie. Ist mir zu nah an der Liebe. Vielleicht ist es so wie bei der Schauspielerin Jennifer Lawrence: Alle erzählen immer, wie schön sie ist. Aber da würde ich auch nie hinfahren, um sie kennenzulernen.

Ich stell mir Gladbach vor wie meine Heimatstadt Haan: hässlich, Reihenhaussiedlungen, Fußgängerzone. Als Jugendlicher war mir unbegreiflich, wie aus so einer Stadt so moderner und schöner Fußball kommen kann. Das gab uns Haanern Hoffnung, dass auch wir mal eine Kombination oder einen Gedanken hinbekommen, der die Gladbacher Schönheit hat.

Wir sitzen in der Pressebox, die wie ein Schwalbennest unter dem Stadiondach klebt. Knapp 50 Meter unter uns leuchtet das Spielfeld in überirdischem Grün. Nervös zieht Petzold an seiner E-Zigarette. Gladbach versucht, Barcelonas Spielfluss mit vier Innenverteidigern und einer Sechser-Abwehrkette zu stoppen. Als sie nach 14 Minuten immer noch hält, sagt Petzold: "So, Barcelona, der Lack ist ab!" Eine Minute später trifft Messi zum 1 : 0. 60 000 Spanier klatschen höflich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

So gesittet! Als ob man ins Theater ginge. Hinter dem Tor nur ein kleiner Block echter Fans, sechs Fahnen, drei Gesänge, die sie woanders geklaut haben. Das erinnert mich an die Disco-Szenen aus spanischen und französischen Filmen, da tanzt jeder ein bisschen vor sich hin ... Vielleicht ist das so, wie es die Uefa gerne hätte, so kontrolliert. Aber ich denke, ich muss gleich in die Klapse! Meiner Gefühlslage entsprechen eher ein paar bengalische Feuer. Der Unterschied zwischen Camp Nou und einem richtigen Fußballstadion ist der zwischen einer Mall und einem Markt.

In der zweiten Halbzeit schießt der türkische Nationalspieler Arda Turan drei weitere Tore für Barcelona. Aber die Gladbacher Fans, in der obersten Etage des Stadions hinter einer Plexiglasabsperrung sichtbehindert weggesperrt, singen weiter. Warum bloß?

Es ist eine Mischung aus Dankbarkeit, überhaupt Einlass gefunden zu haben bei den ganz Großen, und der Bitte: Macht so ein Scheißspiel nie wieder! Das sehe ich genauso: Auch wenn es um nichts mehr geht, müssen Trainer und Spieler vernünftige Arbeit abliefern. Das kann ja jeder sehen: Das Auto, das sie heute mit ihrem Spiel gebaut haben, fährt nicht.

Dennoch wird ihnen verziehen. Keiner ruft: "Scheißmillionäre!" Weil die Spieler nicht direkt die Ausbeuter sind. Das ist bei Volkswagen anders, wo die Chefs betrogen haben und sich trotzdem fette Boni auszahlen. Da steckt Dynamit drin, nicht in dem Fall des Fußballers, der 20 Millionen an der Steuer vorbeischleust. Selbst Ronaldo geht noch jeden Tag zur Arbeit und trainiert. Die eigentlichen Scheißmillionäre sind die Spielerberater. Wenn man mal einen Fußballfilm machen wollte, müsste der über einen Spieler wie Marko Marin gehen, ein irres Talent, das von Beratern immer weiterverhökert wird wie eine Wohnung, die dabei total runterranzt.

Petzold hat eindrückliche Filme darüber gedreht, wie das Geld die Menschen verbiegt und der Kapitalismus jede zwischenmenschliche Regung zum Geschäft degradiert. Wäre er nicht der ideale Regisseur für einen Film über den entfesselten Kommerzkick?

Fußball und Kino passen nicht gut zusammen. Man denkt, da gibt es Verwandtschaften, das Spiel dauert 90 Minuten, ein Film in der Primetime auch. Fußball lebt aber davon, dass zwei Gegner auf dem Platz stehen, zwei Spielideen aufeinandertreffen, die sich in der Auseinandersetzung verändern. Im Kino agieren zwar auch Kollektive, aber sie beschäftigen sich nicht mit einem Gegner, sondern mit einem Stoff. Das Kino hat keinen Gegner, ich als Regisseur trainiere beide, die Bösen und die Guten.

In jedem meiner Filme benenne ich eine Figur nach einem Gladbacher Spieler. In den Polizeirufen heißt die Kommissarin Constanze Hermann – wie Patrick Herrmann, der derzeit mal wieder verletzte Stürmer. Ich ließ auch mal in einem Kaufhaus einen Lefevre ausrufen, in Erinnerung an unseren dänischen Meisterspieler Ulrik le Fevre. Und in meinem Debüt gab es in Leverkusen einen Kosmetiker namens Hans Vogts, der befingerte Frauen. Berti war eben nicht mein Lieblingsspieler.