Mein erster Gedanke war: Das kann nicht euer Ernst sein. Der Barkeeper hatte eine Sektflöte mit einer hellen, pinkfarbenen Flüssigkeit vor mir abgestellt: einen Hemingway Sour, 8,90 Euro teuer, Erdnüsse und Wasser inklusive. Die Victoria Bar in Berlin war auf eine unangenehme Art halb leer, die Musik zu leise, und ich saß alleine auf meinem Hocker mit einem pinken Sektglas in der Hand.

Eigentlich ist die Victoria Bar eines der wenigen Lokale, in denen man in Würde alleine trinken kann. Sie ist meistens voll, es gibt einen wunderschönen, zehn Meter langen Tresen aus dunklem Holz, Barkeeper, die wissen, was sie tun, und eine Atmosphäre, in der jeder willkommen ist, der am Ende die Rechnung zahlen kann. Aber selbst hier gibt es Grenzen. Würde und pinke Sektgläser vertragen sich einfach in kaum einem Szenario.

Ernest Hemingway allerdings, bekanntermaßen ein Mann mit eher rustikalem Geschmack, einer, der sich brüstete, 400 Kilogramm schwere Marline in der Karibik geangelt, in drei Kriegen gekämpft und in Paris seine Lieblingsbar höchstpersönlich von den Nazis befreit zu haben, diesen Hemingway hatte seine Mutter als Kind in Mädchenkleider gesteckt, um ihn wie seine Schwester aussehen zu lassen. Ganz so abwegig ist eine pinke Sektflöte, die seinen Namen trägt, also auch wieder nicht.

Mag der Drink aussehen, als hätte man einen Flamingo darin ausgekocht: Der Geschmack entschädigt den Mutigen reichlich. Der Hemingway Sour ist frisch, stark, ein ganz klein bisschen bitter. In der Victoria Bar besteht er aus Gin, Grenadine und Zitronensaft. Bei anderen Variationen wird noch der Kirschlikör Maraschino hinzugefügt.

Das Rezept hatte ursprünglich der Barkeeper von Hemingways Lieblingsbar in Havanna, dem Floridita, für den Schriftsteller entworfen: als Daiquiri ohne Zucker, weil Hemingway Diabetiker war, und mit doppelt so viel Alkohol, weil Hemingway Alkoholiker war. Die Verfeinerungen, die den Drink heute ausmachen, kamen allerdings erst später hinzu. Hemingway waren die wohl egal. Der wollte vor allem seinen Pegel halten.

Wer alleine am Tresen trinkt, muss sich vor allem von Gefallsucht freimachen. Es muss egal werden, was dieser Raum voll Fremder über einen denkt. Also gleich noch einen.

Meine Scham hatte ich nach dem zweiten Hemingway Sour besiegt. Nach dem dritten wollte ich nichts anderes mehr trinken, merkte dann allerdings nach dem vierten, dass ich einfach nicht so viel vertrage wie der alte Ernest.

Und so ging ich nach Hause – betrunken, pleite und mit einem neuen Lieblingsdrink auf der Zunge.