An einem wolkenverhangenen Samstag im November wehen türkische Fahnen vor dem Brandenburger Tor. Anatolische Volksmusik beschallt rund tausend Menschen auf dem Pariser Platz, fast alle sind Männer. Türken, Deutschtürken, Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Sie jubeln, klatschen, singen mit. Ein paar Hundert Meter weiter, abgeschirmt von der Polizei, ziehen Berliner Kurden und Linke auf zur Gegendemonstration. Man hört sie kaum.

Zu dieser Anti-Terror-Demo am Brandenburger Tor hat die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) aufgerufen, eine Art Lobbyorganisation der türkischen Regierungspartei AKP. An einem Devotionalienstand werden rote Armbinden mit "Türkiye"-Aufschrift verkauft. Ein Redner ruft: "Wir gehören zu Deutschland. Wir sind Deutschländer." Das Publikum schwenkt die Fahnen, einige Männer holen nun auch schwarz-rot-goldene hervor. Die deutsche Regierung, sagt der Redner, spreche jedoch nicht mit den Türken, "die seit einem halben Jahrhundert auf deutschem Boden leben". Dafür werde Can Dündar, Ex-Chefredakteur der Cumhuriyet (und Kolumnist der ZEIT) vom Bundespräsidenten eingeladen. "Aber", ruft der Mann, "wir wollen keine Staatsterroristen in Deutschland haben." Die Leute grölen vor Begeisterung. Die aggressive Stimmung lässt ahnen, was passieren würde, wenn Angela Merkel mit Erdoğan brechen würde: mehr Unruhe, mehr Streit, mehr Spaltung. Der Redner brüllt: "Wir stehen hinter unserem Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan!" Die Masse skandiert: "Erdoğan! Erdoğan!"

Zwischen Türken und Deutschen ist der Ton rau geworden. Bald jede Woche übt die deutsche Seite harsche Kritik am "Abrutschen der Türkei in den autoritären Staat". Die türkische Regierung keilt zurück und wirft Berlin "Doppelstandards" und "Heuchelei" vor. Nach den Terroranschlägen in Istanbul am vergangenen Wochenende hat die türkische Justiz wieder massenhaft Oppositionelle verhaftet. Das torpediert die EU-Beitrittsverhandlungen, die Europa und die Türkei einander eigentlich näher bringen sollten. Das EU-Parlament fordert nun, die Verhandlungen einzufrieren. Und die CDU hat sich auf ihrem Parteitag mehrheitlich dafür ausgesprochen, die doppelte Staatsbürgerschaft abzuschaffen. Schluss mit dem Doppelpass, Schluss mit der EU-Perspektive, Schluss mit der Türkei!

Yaşar Oktay gehört zur AKP. Er wünscht sich von Deutschland mehr Unterstützung für die türkische Regierung. © Dominik Butzmann für DIE ZEIT

Erdoğan nährt die Sehnsucht nach dem Schlussstrich auf seine Weise. Er spricht davon, die Beitrittsverhandlungen gänzlich abzubrechen. Und er droht damit, wieder Flüchtlinge nach Europa ziehen zu lassen. Doch die Annahme vieler Kritiker, dass Angela Merkel wegen des EU-Flüchtlingsabkommens vor Erdoğan kusche, zielt am Kern des Problems vorbei: In erster Linie machen nicht die Flüchtlinge Deutschland und die Türkei zu Zwangsverbündeten, sondern vielmehr die Migranten aus der Türkei.

Immer ungenierter üben die Türken in Deutschland Einfluss aus

Sie leben in Deutschland und im Echoraum der Türkei. Die Türkeistämmigen sorgen dafür, dass jeder zwischenstaatliche Zoff schnell persönlich wird. Sie verlagern türkische Konflikte und Widersprüche nach Deutschland. Immer ungenierter üben die Türken in Deutschland Einfluss aus. Umgekehrt wirkt die Bundesregierung immer stärker auf die Türkei ein. Eine Trennung ist kaum machbar.

Doch wie stark stehen die Türkeistämmigen in Deutschland unter Ankaras Einfluss? Wo verlaufen die Konfliktlinien? Und droht angesichts der politischen Spannungen zwischen den Regierungen auch hierzulande eine Eskalation?

Präsident Erdoğan jedenfalls bemüht sich nicht um Zurückhaltung, im Gegenteil. Sein Politikstil ist die Einmischung, ob es um das Privatleben seiner Bürger oder um die Integration der Türken in Deutschland geht. Nicht im Diplomatensprech, sondern meist im Straßenslang, und der kommt bei den Anhängern gut an. Der Mann ist sich seiner Wirkung wohl bewusst. Im Spätsommer wollte er zu Anhängern auf einer Open-Air-Veranstaltung in Köln sprechen. Aus Angst vor Ausschreitungen verboten die Gerichte den Videoauftritt des türkischen Präsidenten. Viele Türken in Deutschland waren erbost, weil sie hinter der Politik der türkischen Regierung stehen. Das hat Gründe, die man nicht gut finden muss, aber kennen sollte.

Für jemanden wie Yaşar Oktay zum Beispiel spielen die Massenverhaftungen, Säuberungen und der Krieg im Südosten der Türkei eine nachrangige Rolle. Der 41-jährige Hamburger, ein Mann mit feinen Gesichtszügen und sanfter Stimme, wanderte 1995 nach Deutschland ein und betreibt ein Restaurant in Hamburg. Er ist AKP-Mitglied. Oktay findet, dass der Westen in der Nacht des Putschversuchs "sitzen geblieben" ist. Europa habe diesen nicht klar genug verurteilt – so sieht es Erdoğan in Ankara, so sieht es auch Oktay in Hamburg. Er gibt die staatlich verordnete Erzählung wieder: In der Putschnacht sei eine neue Türkei geboren worden, demokratisch, heldenhaft, allein in der Trauer über die Märtyrer, die sich den Panzern in den Weg gestellt haben. Statt die türkische Regierung zu unterstützen, mische sich Deutschland zu sehr in die Innenpolitik der Türkei ein, ob bei der Armenien-Resolution des Bundestags oder in der Affäre um Jan Böhmermanns Beleidung von Erdoğan. Gegen die Resolution ging Oktay auf die Straße, die Verhandlung gegen den ZDF-Satiriker hat er sich in Hamburg vor Gericht angeschaut.

Es gibt viele Deutschtürken wie Oktay. Sehr viele. Ihr Denken ist geprägt durch türkisches Fernsehen, Erdoğans Reden, die sozialen Netze in der Türkei. "Wozu braucht die Türkei dieses Europa noch?", denken sie, der staatlichen Propaganda folgend. Die besagt, dass der Westen gegen die Türkei sei, dass Deutschland sich weigere, die NSU-Morde richtig aufzuklären, dass die USA weltweit Putsche förderten, auch in der Türkei. Diese Verschwörungstheorien entfachen Ängste, doch nicht nur die Anhänger Erdoğans sind davon getrieben.

Jene Kurden und Aleviten, die unweit der Erdoğan-Fans am Brandenburger Tor demonstrierten, haben auch Angst. Und sie sind wütend, über die Verfolgung, die Verhaftungen, den Krieg im Südosten der Türkei. Sie sorgen sich um ihre Verwandten in der alten Heimat und fürchten den langen Arm Erdoğans in Deutschland. Das ist eine andere, realere Angst.