Selbstverständlich sind die USA keine Bananenrepublik. Aber völlig unbekannt sind ihnen lateinamerikanische Zustände auch wieder nicht, auf die achselzuckende Hinnahme schreiender Armut und Verwahrlosung ist schon oft verwiesen worden, auf ghettobildende Kriminalität oder die Hautfarbenskala der sozialen Unterschiede. Mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten ist jetzt ein weiteres, beunruhigend folkloristisches Merkmal des Südens hinzugekommen. Die Kabinettsliste Trumps liest sich wie die Besetzung einer Junta südamerikanischer Streitkräfte. Sie nennt inzwischen allein drei ehemalige Generale (Mike Flynn, John Kelly, James Mattis), zwei weitere Kandidaten mit profilierter soldatischer Vergangenheit (Mike Pompeo, Jeff Sessions), dazu sechs Unternehmer, größtenteils schwerreiche Banker und Börsenspekulanten, womöglich auch den Präsidenten des Mineralölkonzerns ExxonMobil (Rex Tillerson), schließlich einen Lobbyisten der Energiewirtschaft (Scott Pruitt), der ausgerechnet die Umweltschutzbehörde übernehmen soll.

Wenn man es einmal wohlwollend betrachtet, ohne die pazifistischen und antikapitalistischen Vorurteile der Europäer, könnte man sagen: eine am Nationalwohl orientierte Regierung aus soldatischen Patrioten und Wirtschaftsfachleuten, die ihre Qualifikation durch eigenen Reichtum nachgewiesen haben. Mit einer Begründung dieser Art sind jedenfalls 1964 die brasilianischen Militärs angetreten – Schluss zu machen mit der unpatriotischen Politik des linksintellektuellen Präsidenten João Goulart (des brasilianischen Obama sozusagen) und gegen die tatenarmen Schwätzer des Parlaments ein Kabinett von sachorientierten Experten zu setzen.

Anders als es die Erinnerung heute vorgaukelt, waren Gewalt und Aggression nicht das anfängliche Selbstverständnis der südamerikanischen Diktatoren, sondern Wiederherstellung der alten Werte und die Förderung freier Wirtschaft. Auch in Peru und Argentinien wollte man vor allem den Terror – damals der Kommunisten – bekämpfen, und Pinochet in Chile sollte (mit Unterstützung der CIA) etwas gegen Unordnung und ungesetzliche Enteignungen der linken Allende-Regierung unternehmen. Es war immer sehr viel Sorge um Wirtschaft und Vaterland in der Rhetorik der lateinischen Diktaturen, dazu technokratischer Optimismus. Nur die böse Linke, vor allem Europas, sah in all dem bloß den seinerzeit berühmten "militärisch-industriellen Komplex" am Werk.

Man muss allerdings sagen, dass in den Diktaturen mit ihrer Neigung, neben Militärs besonders gerne Professoren in ihre Regierungen aufzunehmen, der militärisch-industrielle Komplex deutlich zurückhaltender auftrat als in der aktuellen Kabinettsliste von Donald Trump. Das ist vielleicht das Frappanteste, die größte mentale Hürde für das Begreifen der Umwälzung in den USA, dass man dort ein Bündnis der Reichen und Mächtigen gänzlich ungeschminkt und unfrisiert auftreten sieht – als sei es das Natürlichste der Welt, Besitzstände zu sichern und auszubauen. Wer sich die geplante Regierung anschaut, findet dort gar nichts mehr zu entlarven, zu entschlüsseln oder aufzudecken. Die berühmte Formel, die einmal den ganzen Stolz der Linken ausmachte – "dem Kapital die Charaktermaske herunterzureißen" –, ist gegenstandslos geworden. Trump trägt keine Maske, nicht einmal ein Toupet.