An die 30 Räder stehen in Michael Ehrys kleinem Laden am Rande der Mainzer Altstadt. Wenige Cityräder, viele Mountainbikes – und alle elektrisch aufgerüstet. Die Rahmen sind etwas kräftiger als bei konventionellen Modellen, damit die Akkus Platz finden. Mit den oft unförmigen Elektrofahrrädern aus früheren Jahren haben diese Maschinen jedoch nichts mehr gemein.

Die Entwicklung verlaufe ähnlich wie bei Smartphones, sagt Ehry: "Da begann ja auch alles mit dem klobigen Knochen von Motorola, und heute gibt es das iPhone." Und auch bei E-Bikes zeichnet sich ab, dass ihre Beliebtheit nicht nur mit dem Ding an sich zu tun hat, sondern ebenso mit dem Universum drum herum. Die Vernetzung von Rädern mit ihren Nutzern und ein stetig wachsendes Angebot an Zubehör erzeugen einen Sog, von dem viele profitieren.

Unternehmer Ehry hat das früh erkannt. Mit einer Smartphone-App macht er sein Ein-Mann-Unternehmen bekannt. Er füllt ein Blog und betreibt außerdem einen YouTube-Kanal, auf dem er regelmäßig neue E-Bikes und Gadgets vorstellt. Das bringt ihm pro Quartal 300.000 Klicks und 500 zusätzliche Abonnenten. Einsteiger entdecken das Thema, Fans kommen auf neue Ideen, Kunden besuchen den Laden – Wachstum entsteht.

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 535.000 E-Bikes verkauft, berichtet der Zweirad-Industrie-Verband, und während der Radmarkt insgesamt in den ersten sechs Monaten dieses Jahres "auf hohem Niveau stabil blieb, halfen vor allem E-Bikes der Branche beim Wachsen". Vierzigmal mehr E-Bikes als Elektroautos fahren auf deutschen Straßen, und anders als bei den Autos schrecken hohe Preise hier kaum jemanden ab: Knapp 3.300 Euro kostet ein Elektrofahrrad im Schnitt, berichtet die Informationsplattform e-bike-finder.com. Ein Rekordwert und locker der sechsfache Preis eines klassischen Velos. Verantwortlich ist vor allem die Nachfrage nach E-Mountainbikes, wie sie auch Ehry anbietet.

Dass er mal mit E-Bikes seinen Lebensunterhalt bestreiten könnte, ahnte der heute 44-Jährige nicht, als er seine Banklehre bei einer hessischen Sparkasse begann. Dort leitete er mit Ende 20 die Abteilung für vermögende Privatkunden. "Doch als ich auf die 40 zuging, hatte ich ständig Kopfschmerzen", erinnert er sich. Irgendwann hatte er keine Lust mehr. Im Frühjahr 2012 gründete er die E°Bike Company in Mainz. Zwei Minijobber helfen ihm. Heute wirkt Ehry wie einer, der seine Berufung gefunden hat. "Finanziell stehe ich besser da als damals bei der Sparkasse", sagt er.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Das E-Bike ist zum Wirtschaftsfaktor geworden. Albert Herresthal vom Fahrrad-Branchenverband VSF schätzt, dass mittlerweile "rund 100.000 Arbeitsplätze in Deutschland direkt oder indirekt vom E-Bike abhängen". Jobs entstehen bei Selbstständigen, Fahrradherstellern, Zulieferern – und Firmen wie Cobi aus Frankfurt. Sie stellt ein kleines Gerät gleichen Namens her, das "jedes Bike zum Smart Bike macht", wie Gründer Andreas Gahlert sagt. Als Bindeglied zwischen Rad und Smartphone hilft es bei der Navigation, analysiert Fitnessdaten, steuert Beleuchtung und Bremslicht und funktioniert außerdem noch als Diebstahlsicherung. Sein Startkapital hat sich Gahlert vor zwei Jahren über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter geholt. Mit 400.000 Euro innerhalb eines Monats war es dort eine der erfolgreichsten Kampagnen. Heute beschäftigt Cobi bereits 60 Mitarbeiter.

Natürlich funktioniert das Gerät bei allen Rädern und nicht nur bei denen mit Elektromotor – die aber bringen die Energieversorgung praktischerweise gleich mit. "E-Bikes sind ein wesentlicher Teil unseres Geschäfts", sagt Gahlert. Jeder dritte Privatkunde von Cobi fahre ein E-Bike, bei Großaufträgen von Fahrradherstellern liege die Quote sogar bei 80 Prozent. Mit Preisen zwischen 250 und 340 Euro ist ein Cobi zwar nicht billig. Aber wenn man schon bereitwillig ein paar Tausend Euro für ein Rad hinlegt ...

Können E-Bikes dazu beitragen, den Autoverkehr zu reduzieren?

Bei Michael Ehry kostet ein elektrisches Mountainbike zwischen 2.000 und 9.000 Euro, das ist das Premiumsegment. Gut für ihn: Genau dieser Bereich wächst derzeit am schnellsten. Dass ausgerechnet E-Mountainbikes nur ein weiteres Statussymbol für Menschen seien, die ansonsten mit SUVs in den Innenstädten unterwegs sind, will er aber nicht gelten lassen. Seine Kunden seien oft Pendler, sagt er, die sich auf den Sattel schwingen, statt das Auto zu nehmen.

Zum Beleg der These führt Ehry in seine kleine Werkstatt, in der ein Helfer gerade das E-Mountainbike eines Stammkunden überprüft. Es ist voller Dreckspritzer, hat einige Schrammen und sieht stark benutzt aus. "3.800 Kilometer hat es auf den Speichen. Aber die erst seit März", sagt Ehry. "Der Besitzer ist Arzt und fährt damit jeden Tag zur Arbeit."