Wer sich mit der Geschichte des Fitnessstudios befasst, landet schnell bei Jack LaLanne. Der "Godfather of Modern Fitness" eröffnete 1936 eines der ersten Gyms der USA und entwickelte Fitnessgeräte. Bis ins hohe Alter trainierte er zwei Stunden pro Tag, für die Presse posierte er meist mit angespanntem Bizeps und in knapper Badehose.

Philipp Roesch-Schlanderer trägt lieber Business-Hemden. Mit seiner kantigen Brille scheint der 33-Jährige eher in eine Bankfiliale zu passen als auf eine Drückbank. Wir sind per Skype verbunden, sein Terminplan ist straff: Kaum zwei Tage verbringt er derzeit in derselben Stadt. Wie Fitness-Guru LaLanne will auch Roesch-Schlanderer das Krafttraining voranbringen. Und er will Geld damit verdienen. "Studiotraining war bisher wie Fußball ohne Tore schießen, da Erfolge erst spät sichtbar wurden. Wir gestalten Fitnesstraining so, dass selbst einer wie ich motiviert bleibt und gerne hingeht." Er weiß, wovon er spricht. Jahrelang, erzählt Roesch-Schlanderer, habe er unter Übergewicht gelitten.

Wenn Roesch-Schlanderer von "wir" spricht, meint er das Münchner Unternehmen eGym, das er mit seinem Partner gegründet hat, dem Maschinenbauer Florian Sauter. 2007 hatte Roesch-Schlanderer zum ersten Mal ein Fitnessstudio besucht – und war überrascht: Während die Digitalisierung Einzelhandel, Kommunikation und Medien komplett veränderte, war an den Hantelbänken alles analog. "Ich konnte mir überhaupt nichts merken. Wie hoch muss der Sitz? Welches Gewicht an welchem Gerät?" Die Gründungsidee war geboren.

Seit 2010 entwickelt, baut und vertreibt eGym Soft- und Hardware, die Fitnessstudios digitalisieren sollen. Bedeutet: Statt kiloweise Gewichte aufzulegen und zu stemmen, erzeugt ein Elektromotor Widerstand, individuell angepasst. Dafür verbinden sich die Fitnessgeräte mit der eGym-Cloud und den eGym-Apps, in der Körper- und Trainingswerte eines Kunden gespeichert sind.

Bei eGym hat das Gehirn Pause, wenn die Muskeln arbeiten. Die Geschwindigkeit der Bewegung wird vorgegeben, und auch wann man aufhören darf, wird angesagt. Ein Fitnessarmband mit RFID-Chip, auf dem die Daten aus der Cloud gespeichert sind, soll den Ablauf beim Trainieren erleichtern. "Mit jeder Bewegung generieren wir Daten", sagt Roesch-Schlanderer. Die Trainer könnten sich unterdessen auf das Wesentliche konzentrieren: Trainingspläne. Diese werden in der eGym-Trainer-App angelegt. Dort speichern sie auch Informationen aus Beratungsgesprächen sowie über körperliche Erkrankungen.

Was beim Fußball die Tore, sind bei eGym soziale Vernetzungen: In der Fitness-App kann man sich mit Freunden verbinden und um die Wette trainieren. "Wenn man sich mit anderen misst, macht das Trainieren viel mehr Spaß", sagt Roesch-Schlanderer. Dem Wettbewerb mit anderen schreibt er auch seine Gründung zu: Während des BWL-Studiums in München bekommt er eine Einladung des Center for Digital Technology and Management (CDTM), eines Instituts der Technischen Universität München und der Ludwig-Maximilians-Universität. "Für mich ist das das kleine Silicon Valley Deutschlands, dort ist man umgeben von Menschen, die alle ähnlich denken." Zu seinen Ex-Kommilitonen gehört Julia Bösch, Gründerin des Curated-Shopping-Anbieters Outfittery, sowie Max-Josef Meier, Gründer von Stylight, einer Plattform für Mode und Shopping.

Am CDTM lernt der gebürtige Sindelfinger wohl auch, wie man Investoren begeistert: Im Frühjahr dieses Jahres bekam eGym 45 Millionen US-Dollar – eine der größten Investitionen in deutsche Start-ups in diesem Jahr überhaupt. HPE Growth Capital ist neu eingestiegen, auch die bereits bei eGym engagierten Investoren sind an der Transaktion beteiligt. 2014 hatten Highland Capital Partners, Bayern Kapital und High-Tech Gründerfonds bereits 15 Millionen Euro Kapital bereitgestellt, das südbayerische Gründernetzwerk Evobis und Ex-Microsoft-Deutschland-Chef Jürgen Gallmann unterstützten das Unternehmen davor.

Mit dem eGym-Konzept hat Roesch-Schlanderer das Geschäft nicht neu erfunden, sondern bestehende Bausteine zusammengefügt. Elektronische Fitnessgeräte gibt es seit mehr als 20 Jahren – unter anderem von Milon. Der deutsche Konkurrent hatte eGym kurz nach Gründung sogar auf Patentrechtsverletzung verklagt und verloren, der Milon-Gründer ist mittlerweile Vertriebschef bei eGym. Auch im Markt der Fitness-Apps, die ein gesünderes Leben versprechen, ist Roesch-Schlanderers Idee nur eine von vielen. Angebote wie Freeletics und Runtastic bieten ortsungebundene Programme, die zur dauergestressten Generation passen. eGym will Fitnessstudios die Antwort auf diese Entwicklungen bieten, stellt Verknüpfungen her, die es vorher nicht gab. Dabei agiert das Unternehmen in einem Markt, der seit Jahren wächst: In Deutschland waren 2015 laut einer Studie des Arbeitgeberverbands deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV) 11,6 Prozent der Bürger in einem der gut 8.300 Fitnessstudios angemeldet, 4,2 Prozent mehr als 2014. Die Zahl wächst seit Jahren analog mit der Anzahl der Fitnessstudios, die 2011 noch bei rund 7.300 lag. In anderen EU-Märkten, aktuell ist eGym in zwölf vertreten, sieht es nach einer Studie des Beratungsunternehmens Deloitte teilweise noch besser aus.

Rund 1.000 Studios hat eGym in Europa bereits mit Geräten versorgt, weitere 1.500 arbeiten mit den Apps, die Studiobetreiber auch losgelöst von den Geräten lizenzieren lassen können. Gerade hat eGym ein Büro in New York eröffnet, von dort aus sollen die USA angegangen werden. Als weiteren Markt haben die Münchner Praxen von Physiotherapeuten im Visier, die das Vertriebsteam seit rund zwei Jahren anspricht. In 180 deutschen Praxen stehen eGym-Geräte, an denen Patienten gegen Gebühren trainieren können. Das nächste Projekt ist der Corporate-Health-Markt, also Firmen, die Fitnessstudios für ihre Mitarbeiter einrichten.

Mehr als 300 Mitarbeiter hat eGym inzwischen, der Altersschnitt liegt bei 28 Jahren, was vor allem daran liegt, dass ein Drittel der Mitarbeiter Praktikanten oder Werkstudenten sind. Pro Monat kommen bis zu 30 neue Leute dazu.

Wenn es nach CEO Roesch-Schlanderer geht, sollen die gesammelten Daten irgendwann an Krankenkassen übermittelt werden – natürlich nur, wenn ein Kunde das möchte. Mithilfe der Daten könnten Tarife individuell angepasst werden, Sport zu treiben hätte dann auch einen finanziellen Anreiz. Datenschützer sehen das skeptisch: In Apps würden scheinbar harmlose Informationen mit eindeutigen Personenkennungen verknüpft, die ein präzises Bild des Gesundheitszustands der jeweiligen Nutzer zeichnen, erklärt der Pressesprecher der Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit auf Anfrage der ZEIT. Im Geschäftsverkehr, im Versicherungswesen oder in anderen Zusammenhängen könnten diese Profile dann ohne Wissen der Nutzer gegen sie verwendet werden. So bestehe die Gefahr, dass "das Solidarsystem, auf dem unser Krankenkassensystem aufgebaut ist, ausgehöhlt wird".

Roesch-Schlanderer sieht das nicht so eng. "Wer mehr tut, muss weniger zahlen. Wenn das dazu führt, dass die Leute mehr Sport treiben, dann haben wir doch als Gesellschaft alles richtig gemacht." Für den Schutz der Daten sei außerdem gesorgt: Ein Datenschutzbeauftragter achte bei eGym darauf, dass die Informationen nicht missbraucht würden. Außerdem seien alle Daten in europäischen Datenwolken gespeichert, würden nach europäischem Datenrecht behandelt.

Der Chef selbst ist dank eGym aktiver denn je: Fünfmal pro Woche je 30 Minuten trainiert er – die App bestätigt das. Sie zeigt ihm auch an, dass sein Körper mittlerweile rund acht Jahre jünger und fitter ist, als der von anderen 33-Jährigen, die sich in der eGym-Cloud registriert haben. "Ich bin so gesund wie noch nie in meinem Leben", sagt er. Auf Pressefotos in Badehose und mit angespanntem Bizeps verzichtet er trotzdem.