DIE ZEIT: Herr Praet, Sie sind Direktor der Europäischen Zentralbank (EZB) und damit Teil einer Elite, die von den neuen rechten Bewegungen regelrecht gehasst wird. Fühlen Sie sich bedroht?

Peter Praet: Nein, aber ich mache mir Sorgen. Wir als europäische Institution schauen darauf, wie sehr uns die Menschen vertrauen. Die Menschen mögen den Euro, aber die jüngste Eurobarometer-Umfrage der EU-Kommission zeigt, dass das Vertrauen in die europäischen Institutionen in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen ist. Das gilt für ganz Europa und auch für nationale Institutionen, nicht nur für die EZB. Aber eben auch für uns.

ZEIT: Kein Wunder, wenn die Sparer keine Zinsen mehr bekommen!

Praet: Daran liegt es nicht. In den vergangenen Jahren, also in der Niedrigzinsphase, haben sich die Zustimmungswerte nicht wesentlich verändert. Der starke Rückgang kam 2008 infolge der Finanzkrise. Damals stürzte das Vertrauen ab. Das hat vor allem ökonomische Gründe: Wir und die meisten Ökonomen hatten vorhergesagt, dass der Euro-Raum weiter kontinuierlich wachsen würde. Doch dann kam die Rezession nach der Finanzkrise, und wir haben die vorausgesagte Wirtschaftskraft nie erreicht. Kurz danach folgte die Staatsschuldenkrise, die zweite Rezession und die Rettungsprogramme mit ihren Sparauflagen. Es wurden viel zu hohe Erwartungen geweckt, die nicht erfüllt wurden. Das ist eine große Enttäuschung für viele.

ZEIT: Also ist an allem die Finanzkrise schuld, und die EZB selbst hat nichts damit zu tun?

Praet: Auch die Zentralbanken haben die Krise nicht frühzeitig kommen sehen. Das Kreditwachstum war in den Jahren vor der Krise sehr hoch, nicht nur in Europa, begünstigt durch ein relativ niedriges Zinsniveau in einigen Ländern. Wir haben damals mehrfach vor der übermäßigen Liquidität auf den Märkten gewarnt. Als die Krise dann ausgebrochen ist, stellte man fest, dass Europa auf eine solche Situation nicht richtig vorbereitet war.

ZEIT: Was fehlte?

Praet: Das Instrumentarium war unzureichend, um auf krisenhafte Entwicklungen reagieren zu können. Es fehlte die gemeinsame Bankenaufsicht, es gab keine Institutionen für die Stabilisierung oder Abwicklung von Banken oder den Umgang mit Kreditexzessen. Das hat die Auswirkungen der Krise verstärkt. Zentralbanken haben ein wesentliches Instrument, um Preisstabilität zu erreichen – den Zins. Allein mit diesem Instrument in einer komplexen Gemengelage gegenzusteuern ist schwierig. Aber wir sind gut damit vorangekommen, die Währungsunion auf eine stabilere Basis zu stellen.

ZEIT: Das reicht offenbar nicht. War am Ende der Euro selbst der Fehler?

Praet: Nein. Die Krise hat nur deutlich gemacht, dass der Euro innerhalb eines unvollständigen institutionellen Rahmens geschaffen wurde. Wir sollten auch nicht vergessen, was wir dem Euro verdanken. Vor der Währungsunion gab es immer wieder ökonomische Schocks, wegen der starken Schwankungen der Wechselkurse. Das führte zu Handelsbarrieren. Außerdem muss man immer die Alternative mitdenken. Nehmen wir das Beispiel Deutschland: Ohne den Euro hätte in der Finanzkrise die Währung sehr stark an Wert gewonnen. Für ein Land, das viel exportiert, ist das problematisch. Dass es dem Land damit besser gehen würde als jetzt, das wage ich zu bezweifeln – und wahrscheinlich wären auch in diesem Fall die Zinsen sehr stark nach unten gedrückt worden.

ZEIT: Im Moment reden alle davon, dass die Eliten zu lange in ihren Filterblasen gelebt und das Erstarken des Populismus verpasst hätten. Trifft das auch auf Sie zu? Leben Sie in der EZB-Blase?

Praet: Nein. Vielfalt der Meinungen und Ansichten ist für uns eine wichtige Grundlage für gute Entscheidungen. Wir haben im EZB-Rat die 19 Gouverneure der nationalen Notenbanken, die dem Gremium als Person und nicht als Vertreter ihrer Länder angehören. Das bereichert die Diskussion und den Blick auf die Welt. Und umgekehrt können sie auch in ihren Ländern unsere Entscheidungen erklären. Wir selbst gehen regelmäßig in das Europäische Parlament und gelegentlich in nationale Parlamente. Mario Draghi zum Beispiel hat vor einigen Wochen im Bundestag gesprochen.