Über den Großverdiener weiß man aber zu erzählen, dass er noch in Veles lebe und sich einen BMW aus Deutschland bestellt habe, der in ein paar Tagen kommen werde. Dann könne man ihn erkennen, denn so viele nagelneue BMW gibt es in Veles nicht, um nicht zu sagen: gar keine.

Gut möglich, dass dieser Mann der erste in Veles war, der das Geschäft mit den Fake-News entdeckt und perfektioniert hat. Sicher ist, dass er nur einer von vielen ist. 140 Fake-News-Seiten waren zeitweise in der Stadt registriert. Sie trugen Namen wie Uspoliticsnow.com, TrumpVision365.com, CentralNewsAmerica.com oder USConservativeToday.com.

Viktor erzählt, dass man in Gruppen arbeitete, zu viert oder zu fünft. So eine Internetseite musste ja dauernd gepflegt werden, je mehr Bewegung darauf war, desto größer die Aussichten auf Erfolg. Ein Mann allein konnte das nicht schaffen.

Wie viele junge Männer während des Wahlkampfes insgesamt wohl an der Sache mit den Fake-News gearbeitet haben? Dutzende? Hunderte?

Bei einem Gang durch die Cafés entlang der Straße Blagoj Gjorev, die so etwas wie die Flaniermeile der Stadt ist, kann man jedenfalls einige treffen, die in diesem Geschäft waren – allerdings sind es die kleinen Fische, die großen halten sich zurzeit bedeckt. Kellner, Schankgehilfen, Verkäufer haben versucht, mit Klicks Geld zu machen. Manche berichten von eigenen Erfahrungen, andere wissen von anderen zu erzählen. Fake-News, das war während des amerikanischen Wahlkampfes gewiss der einträglichste Wirtschaftszweig in Veles. "Wenn einer damit Geld macht, dann folgen andere. Das ist doch normal!", sagt der Barmann im Café Akvarius. Das sei doch immer so.

Außerdem sei das alles nicht illegal, man habe nur schon veröffentlichte Inhalte weiterverbreitet. Der Barmann selbst war auch in dem Geschäft mit den Klicks, allerdings nicht in der Politik. "Ich habe mich um Nahrungs- und Gesundheitsthemen gekümmert. Ich habe zum Beispiel Rezepte geschrieben und versucht, dafür Aufmerksamkeit zu gewinnen!" Das war alles harmlos, niemand konnte wirklich zu Schaden kommen.

Die jungen Männer aus Veles haben viele Felder "abgegrast", um im Netz Geld machen zu können. Aber mit Nachrichten über Katzennahrung oder Artikeln über Muskelaufbaumittel war nicht viel zu holen. Und so surften die Männer aus Veles durchs Netz, auf der Suche nach lukrativeren Themenfeldern. Sehr bald schon wurde ihnen klar, dass sich dort mehr Klicks generieren lassen, wo das Streitpotenzial groß ist, wo sich zwei Parteien bis aufs Blut bekämpfen. Polarisierung befeuert das Geschäft. Trump versus Clinton, das war die Goldader, auf die sie schließlich stießen. Und Hässlichkeiten über Clinton liefen viel besser als Hässlichkeiten über Trump. Deshalb bekam Trump plötzlich eine Schar von Wahlhelfern in der mazedonischen Kleinstadt.

"Journalismus ist hier ein Kampf, in dem der Gegner vernichtet werden soll"

© ZEIT-Grafik

Viktor, der Kellner, hat an den Geschichten, die er im Internet aufsammelte, nicht viel verändert. Er benutzte bloß copy und paste, und setzte einen möglichst reißerischen neuen Titel darüber. Der Rohstoff kam nicht aus Mazedonien, sondern aus Amerika. In Veles wurde er nur weiterverarbeitet und für den (Wieder-)Export fertig gemacht. Viktor hat die giftige Ware dann mit einem Klick hinausgeschossen in die unendlichen Weiten des Internets, wo schon zahllose Menschen darauf warteten, zu lesen, was ohnehin schon in ihren Köpfen herumgeisterte, zum Beispiel dass Hillary Clinton kriminell sei. So haben Viktor und seine Kompagnons aus Veles Vorurteile gefüttert, bis sie sich zur Tatsache aufblähten.

Aber warum ausgerechnet Veles?

Zahlen geben eine erste Antwort. Offiziell sind 28 Prozent der Jugendlichen in Mazedonien arbeitslos. Tatsächlich sind es seriösen Schätzungen zufolge wohl eher 70 Prozent. Die Stadt hat in den letzten zehn Jahren Tausende Einwohner verloren, sie sind in die knapp 60 Kilometer entfernte Hauptstadt Skopje abgewandert oder ins Ausland gegangen, meist für immer. 45.000 Menschen leben heute noch hier, sehr viele von ihnen sind Rentner. Sie müssen mit ihren mickrigen Renten häufig ihre Kinder und Enkel unterstützen, weil deren Einkommen – sofern sie überhaupt eines haben – fürs Leben nicht reicht.