DIE ZEIT: Globalisierungsangst, ein Gefühl der Dauerkrise, völkische Bewegungen auf dem Vormarsch – liest man Ihr soeben neu aufgelegtes Buch Das Zeitalter der Nervosität, hat man den Eindruck, das alles war schon einmal da: in der wilhelminischen Epoche.

Joachim Radkau: Vorsicht mit historischen Analogien. Aber einige Parallelen sind offenkundig – auch wenn ich einen anderen Dreiklang bevorzuge: elektrische Revolution, nervöse Leiden und Natursehnsucht um 1900. Digitale Revolution, Burn-out und neu erwachte "Landlust" heute.

ZEIT: In Umfragen nennen viele Deutsche, die sich heute nach rechts wenden, die Globalisierung als Hauptgrund. Spielte das damals keine Rolle?

Radkau: Sicher, die Ökonomie war schon im späten 19. Jahrhundert global verflochten. In einer Rede aus den 1890er Jahren sieht der Heidelberger Neurologe Wilhelm Erb darin eine Hauptursache für die Klagen über das ständige "Hetzen und Jagen" und den aufreibenden "Kampf ums Dasein", wie es im Jargon der Zeit hieß. Dass die Deutschen jetzt auch mit den Amerikanern konkurrieren müssen, das mache sie nervös. "Die amerikanische Gefahr" wurde ein regelrechtes Schlagwort. Um 1900 kamen dann jede Menge Welt-Komposita in Mode: Weltwirtschaft, Welthandel, Weltverkehr, Weltgeltung, Weltmacht. Vieles davon war positiv besetzt. Man erblickte in der Globalisierung auch Chancen, nicht anders als heute. Chancen allerdings, die einen kribbelig machen konnten ...

ZEIT: Wann beginnt die Debatte über Nervosität?

Radkau: 1880. Damals wurde das Krankheitsbild der Neurasthenie, der "nervösen Schwäche", erstmals beschrieben – von George M. Beard, einem New Yorker Neurologen, der im Übrigen ein Mitarbeiter von Edison gewesen war, dem Pionier der Elektrotechnik. Die Symptome, die Beard nennt, reichen von allgemeinen Angstzuständen bis zu Impotenz und depressiven Verstimmungen. Innerhalb kürzester Zeit machte der Begriff auch in Deutschland Karriere. 1910 schließlich war Neurasthenie die meistgestellte Krankheitsdiagnose im Reich.

ZEIT: Das Jahr 1880 gilt vielen Historikern als Wendemarke – als Beginn einer verstärkt nationalistischen und antiliberalen Politik im Kaiserreich.

Radkau: Viele Deutsche hatten in den Jahren zuvor einschneidende Erfahrungen mit den negativen Seiten des industriell-technischen Fortschritts gemacht. Nach dem Krieg von 1870/71 erlebten sie zunächst einen Boom, dann den Absturz im Gründerkrach. In den USA verlief es nach dem Bürgerkrieg ähnlich, und während die Yankees früher als entspanntes Völkchen gegolten hatten, traten bei ihnen nun massenhaft Stresserscheinungen auf.

ZEIT: Wie kam es, dass sich die Neurasthenie im Kaiserreich im selben Maße ausbreitete, wie es wieder bergauf ging? Die Jahre zwischen 1890 und 1910 bescherten den Deutschen immerhin ein veritables Wirtschaftswunder.

Radkau: Die Nervosität war der Preis der neuen Hochkonjunktur. Die Zeitgenossen durchlebten einen Wandel, der ihren Alltag mindestens so radikal umwälzte wie die digitale Revolution heute: Elektrisches Licht machte die Nacht zum Tag, der Verkehr in den chaotisch wachsenden Städten wurde als nervenzerfetzend empfunden. Telefone schrillten. Mediziner sprachen von Reizüberflutung, Philosophen von der Zersplitterung des Daseins. Viele Beschäftigte – geistige wie Fabrikarbeiter – litten unter einem wachsenden Druck.

ZEIT: Setzte die Arbeiterbewegung nicht etliche Erleichterungen durch?

Radkau: Schon. Mit der erkämpften Arbeitszeitverkürzung ging jedoch eine erhebliche Arbeitsverdichtung einher. So bei Bosch, der mit dem Acht-Stunden-Tag voranging: 1913 gab es dort einen Streik gegen das "Bosch-Tempo". Eindringlich schildert das neue Arbeitsethos auch Eugen Diesel in den Erinnerungen an seinen Vater Rudolf Diesel, den Erfinder des Dieselmotors. Der Mann muss ein Neurastheniker schlimmster Sorte gewesen sein, denn er wandte das Prinzip seines Motors – höhere Effektivität durch höheren Druck – gnadenlos auf sich selbst an. Wie es aussieht, hat er sich am Ende umgebracht. Als besonders anfällig für neurasthenische Leiden galten im Übrigen die Telefonistinnen, die das elektrische Nervensystem der Moderne verkabelten und dabei auch immer mal wieder einen Stromschlag abbekamen. In einer Reichstagsdebatte hieß es, nur Frauen könnten diese Arbeit bewältigen, Männer hielten das nicht aus. Sie seien jedenfalls nicht fähig, bei der Vermittlung zugleich noch freundlich zu bleiben.

ZEIT: Das eine sind die öffentlichen Debatten, das andere die individuellen Krankengeschichten: Was verraten die über das Zeitleiden Neurasthenie?