Der Asphalt unter den Autoreifen wird langsam leiser, der Regen zieht weiter nach Süden. Bis zum späten Nachmittag war es kalt und grau, doch kurz vor der Dämmerung klart es auf, und der Horizont der Autobahn 1 verfärbt sich im Rückspiegel erst gelb und später blutrot. Darüber ein strahlend hellblauer Himmel, der nur langsam dunkler wird. Hamburg kommt näher, über dem Burchardkai schweben an den Traversen der Kräne tausend Lämpchen vor einem roten Himmel. Gleich hinter der Leitplanke wird im Neonlicht ein großes Containerschiff aus China gelöscht. Ich bin froh, bald wieder daheim zu sein, und verspüre ein Glücksgefühl, das mich für Stunden tragen wird, obwohl mein Gehirn eine halbe Stunde zuvor noch in sehr viel dunkleren Regionen unterwegs war.

Es ist das Jahr, in dem man den Nachrichten zurufen möchte: "Hört doch endlich auf!" Das Jahr, in dem der Terror uns mit seiner Sinnlosigkeit verstört und eine politische Gewissheit nach der anderen stirbt. Wobei ein großer Teil der trostlosen Müdigkeit, die uns erfasst, durch die Dopplung und Potenzierung der Meldungen auf all den Kanälen entsteht, die wir uns täglich zumuten. Befindet man sich in diesem Moment in einer Lebensphase, in der der Glückssaldo durch persönliche und nicht beeinflussbare Ereignisse nur mit Mühe knapp über null gehalten werden kann, treiben die Weltnachrichten das eigene System endgültig in die Miesen.

Aber wie fragil das ist: Eben schien alles grau, und jetzt, mit ein bisschen Meteorologie und dem richtigen Lied im Autoradio, bilde ich mir tatsächlich ein Glücksempfinden ein? Bin ich eventuell ein wenig oberflächlich und vor allem viel zu impulsiv? Verhalten sich meine Mundwinkel in dieser Situation überhaupt der Weltlage angemessen? Was ist denn nur los? Die Zeit passt nicht zum Gefühl, das Gefühl nicht in die Zeit, aber das ist mir gerade völlig egal, denn jetzt, genau jetzt will ich diesen Moment genießen. Vielleicht ist er gleich wieder weg, und wer weiß schon, was morgen kommt.

Das Zufallsglück ist der Moment, in dem endlich wieder etwas neu und anders ist.

Vom Glück, das es zu kaufen gibt, wissen wir längst, dass es sich um ein Kitschbild handelt. So wie diese Frauen, die barfuß im Morgenmantel auf einem Modulsofa (2.799 Euro, Stoff Alicante, naturweiß) liegen und einfach nur entspannt in die Ferne hinter dem bodentiefen Fenster schauen. Natürlich erreicht man diesen Zustand des Gleichgewichts und der ultimativen Leichtigkeit nie, weiß aber stets sehr genau, was dazu noch nötig wäre. Unter anderem sind da noch einige unbezahlte Rechnungen und der Wunsch, etwa acht Kilo weniger zu wiegen. Außerdem gibt es diese zwei sehr unangenehmen Gespräche, die einiges klären würden.

Die Ratgeber in den Buchläden verhandeln das Glück als To-do-Liste zum Abhaken: Gib dem Glück die Chance, bei dir anzuklopfen. Denke positiv, finde das Problem, und suche die dazu passende Lösung. Vor allem: Grüble nicht, gib dich deiner Lust hin. Und plötzlich sind es dann schon drei Dinge auf einmal, was nur ein Überraschungsei leisten kann, nach dem Verzehr der Schokolade fühlt man sich wieder zu fett, und das frische Glück ist dahin.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Die weniger aktionistische kleine Schwester der Handelsware Glück ist die Achtsamkeit, der moderne Seelen-Ingwer. Achtsamkeit könnte das Wachsein für die eigene Umwelt und Zugewandtheit bedeuten, aber die vermarktete Variante richtet sich mehr auf das Wohlbefinden des eigenen Ichs. Was nicht dumm ist, denn die Geschäfte der heiteren "Gönn dir was"-Therapeuten laufen naturgemäß besser als die ihrer sauertöpfischen "Denk mal drüber nach"-Kollegen. Wer zahlt schon gern 90 Euro pro Stunde für einen Blick in die eigenen Abgründe, wenn eine Tür weiter jemand praktiziert, der puren Genuss ohne Reue verspricht und uns zum Schluss der Sitzung dazu auffordert, uns etwas Gutes zu tun. Ein schönes Körperöl, eine Shoppingtour oder ein Wellnesswochenende.

Tatsächlich lauert das Glück einfach dort, wo man es zuvor nie gesucht hat.