Wir erwarten von einer Frucht, dass sie es uns nicht schwer macht, auf ihr Inneres zuzugreifen. Viele erfüllen uns diesen Wunsch, andere bereiten uns ein wenig Mühe: Quitten etwa müssen sogar gekocht werden, weil ihr Fruchtfleisch für den direkten Verzehr zu hart ist. Aber welche Frucht ist so abweisend und gleichzeitig so filigran wie der Granatapfel – den wir im Winter als Obst, als exotische Zutat oder als Präsentkorb-Inhalt vorfinden? Hinter der derben Schale verbirgt sich ein komplexes Inneres, das einem geheimen Gesetz zu folgen scheint: durch Häutchen unterteilte Kammern, die ihrerseits mit Hunderten von kantig geformten und auf Druck leicht zerplatzenden Kernen gefüllt sind, in denen sich jeweils ein Samen verbirgt. Diese Frucht kann man auspressen oder in Stücke teilen und die Kerne mit den Zähnen herauslösen. Beim Aufschneiden empfiehlt sich Vorsicht, denn der Saft ist für hartnäckige Flecken auf Textilien berüchtigt. Er hat einen mal mehr, mal weniger säuerlichen, wenig aromatischen und nur kurz andauernden fruchtigen Geschmack. Die kleinen Samen sind harzig-bitter. Kurzum, es gedeiht selten eine Liebe auf den ersten Blick zu diesem geheimnisvollen "Apfel" – aber es lohnt sich, ihn genauer zu betrachten.

Ihrer Anziehungskraft taten die Schwachpunkte der Frucht jedenfalls keinen Abbruch. Vielerorts verbinden sich Geschichten mit diesem erstaunlichen Obst, selbst ein surrealistischer russisch-armenischer Film ließ sich von der blutroten Farbe inspirieren. Am Baum hängen die Granatäpfel wie Lampions. Was ist das überhaupt für eine Pflanze? Botaniker tun sich schwer, die Frucht einer bestimmten Kategorie zuzuordnen, und behelfen sich zuweilen mit dem Begriff "Panzerbeere", um sie von den normalen Beeren zu unterscheiden. Es ist kompliziert. "Einerseits ähnelt die Frucht mit ihrer ledrigen Schale einer Zitrusfrucht. Andererseits, mit dem verbleibenden Blütenkelch an der Spitze, gleicht der Granatapfel in der Tat einem Apfel", umreißt Wolfgang Stuppy, Samenspezialist der Royal Botanic Gardens in Kew, das Problem der Klassifizierung. Was den essbaren Teil der Frucht betrifft, hat der Granatapfel aber weder mit der Orange noch mit dem Apfel etwas gemein. Was nämlich beim Granatapfel zum Naschen verführt, sind die roten, saftigen Samenschalen, die jeden einzelnen der zahlreichen Samen der Frucht umhüllen. Sie machen ihn zum Trendobst.

Vom Granatapfel gibt es heute bereits 500 Zuchtvarianten

Punica granatum lautet der lateinische Name. "Punica" geht auf die Phönizier zurück. Sie sollen die Frucht im Römischen Reich verbreitet haben – damals wurde sie mala punica genannt, Punischer Apfel. Das lateinische granatus bedeutet körnig oder kernreich. Dass auch ein mit Schießpulver gefülltes, todbringendes Geschoss "Granate" heißt, könnte im Falle der Handgranate mit der ähnlichen Form zu tun haben und auch einfach damit, dass Granatäpfel aufbrechen und zerplatzen können, wobei die Samen in der Umgebung verteilt werden. Zuletzt führten die Araber die Frucht vermutlich über die andalusische Stadt Granada nach Westeuropa ein.

Der Granatapfel, auch Grenadine genannt, gehört zur Familie der Weiderichgewächse, was ihn in die illustre Gesellschaft von Hennastrauch, Brasilianischem Rosenholz und Wasserkastanie rückt. Und ein Rätsel umgibt die Pflanze: Neben der uns vertrauten Art mit ihren insgesamt rund 500 Zuchtvarianten wächst noch eine zweite auf der dem Horn von Afrika vorgelagerten, dem Jemen zugehörigen Insel Sokotra. Sie hat einen ausgeprägt bitteren Geschmack, und es heißt, sie werde dort nur im Notfall verzehrt. In welchem Verhältnis die beiden Arten zueinander stehen, ob unser Granatapfel womöglich von diesem insularen Exoten abstammt, ist nicht geklärt worden. "Auf der Basis der Morphologie ließe sich argumentieren, dass die sokotrinische Art ursprünglicher ist, da der zweistöckige Fruchtknoten von Punica granatum, der eine krasse Ausnahme unter den Blütenpflanzen darstellt, hier nicht ausgeprägt ist. Man sollte die beiden aber als Schwestersippen betrachten, die von einem gemeinsamen, nicht mehr existenten Vorfahren abstammen", sagt Norbert Kilian, Forscher am Botanischen Museum in Berlin, der auf Sokotra gearbeitet hat, als die Insel noch leichter zu erreichen war als heute im jemenitischen Bürgerkrieg.

Seit Jahrtausenden beschäftigen sich Menschen mit dem Granatapfel. Aber anders als Kartoffel, Tee, Zucker oder Baumwolle hat er nicht den Weltlauf bestimmt. Seine Wirkung ist subtiler. Assoziationen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Kulturen des Altertums. Möglicherweise ist mit dem verbotenen Baum der Erkenntnis in der Adam-und-Eva-Geschichte ein Granatapfelbaum gemeint. Die große Kernzahl prädestinierte ihn als Fruchtbarkeitssymbol. Im alten Ägypten galt er als heilige Pflanze. Als solche wird er im Judentum verehrt. Dort enthält der perfekte Granatapfel 613 Kerne, was der Anzahl der Gebote in der Thora entspricht. Auf altgriechischen Reliefs ist er mal Gottesattribut, mal Opfergabe, dann ein Tribut an heroisierte Verstorbene. Eine halb bekleidete Aphrodite trägt ein Zepter, das von einem Granatapfel bekrönt wird. Seine unverwechselbare Form wurde vielfach abgewandelt, zuweilen mit Ornamenten ergänzt, und sie findet sich in der Form von Ölfläschchen, Salbgefäßen, Glasvasen und goldenen Anhängern wieder. Sein charakteristischer Blütenkelch soll die Schöpfer der Kronen König Salomos und der europäischen Könige inspiriert haben. Im alten Rom schmückten sich junge Frauen mit Kränzen aus Granatapfelzweigen und erhofften sich dadurch reichen Kindersegen. In manchen Kulturen hat die Frucht bis heute ihren Platz bei Festen, vor allem im Iran, wo man anaar bei Hochzeiten auf den Boden fallen und platzen lässt. Das bringe Kinderglück.