Es soll einmal ein stern-Mensch zu seinem damaligen Chefredakteur gegangen sein, Henri Nannen, um eine Gehaltserhöhung einzufordern. Nannen hat ihn dann angeblich zum Fenster seines ausladenden Büro-Domizils geführt, auf ein zaghaftes Bäumchen in der Parklandschaft sieben oder acht Stockwerke tiefer gedeutet – und den Antragsteller beschieden, er möge sein Ansinnen doch gern noch einmal wiederholen, wenn die Spitze des Bäumchens seine, Nannens, Augenhöhe erklommen habe. Dazu ist es nie gekommen.

Ein Umzug zum Jahreswechsel 1990/91 kam dazwischen. Von der Außenalster, wo sich das Bäumchen um Wachstum, der stern-Mensch vergebens um noch mehr Geld bemühte, an den Baumwall. Und da sollte im Verlagshaus Gruner + Jahr alles etwas flacher werden: Die Zahl der Stockwerke war es von Anfang an. Die Allmacht der Chefredakteure verlor unter dem neuen Dach ganz sachte ihren Glorienschein; es brach die Zeit der Stuhlkreise, später "Mitarbeitergespräche" an. Und das Kollegium des sterns, wie andere auch, büßte ein bisschen an Auflage ein, mit Zeitverzug auch an Ego. Ein bisschen.

Der Baumwall also, Hausnummer 11. Nicht dass er etwas für Liebe auf den ersten Blick gewesen wäre, für Freunde des betreuten Wohnens. Während andächtige Architekturstudenten aus NRW durch dieses mit Bullaugen und reichlich Relings ausgestattete Anwesen wandelten, mit dem die Münchner Architekten Uwe Kiessler und Otto Steidle Schiffebauen gespielt hatten, war intern die Rede von "Alcatraz". Eine verwegene Klage angesichts von 25.000 Quadratmeter Glas, von Bambus, Magnolien und Felsenbirnen in 16 Innenhöfen. Zwar war die graue Außenhaut, Titanzinkblech, war das viele Metall dieses "Blechpanzers" (Mopo) nichts für Menschen, die heute das ebenfalls hier gefertigte Kuschelmagazin Flow kaufen würden. Aber mon dieu, Alcatraz! Die Häftlinge dort hätten sich sicher nur zu gern von Außenbalkonen, Sicht auf vitale Gewässer und ein Stadtsymbol, Drei-Sterne-Kantine, doppelt verquirltem Latte macchiato, Freiabos für alle und einem Pförtner verwöhnen lassen, der dienstags an der Schranke einen "dynamischen Dienstag" wünschte und freitags die "große Freiheit".

Was denn hatten die Gruner + Jahrlinge am Baumwall eingebüßt? Die Nähe zur Osteria Due, aber die ist jetzt ohnehin Geschichte. Die noch größere Nähe zu Feinkost Brodersen und zum Weinladen von Siggi Clausen? Zu verschmerzen, wenn man ehrlich war. Wie die Eishockey-Crashkurse während der Mittagspause, wenn die Außenalster denn einmal zugefroren war. Es war ohnehin nicht mehr die Zeit der blauen Stunden, und auch das Whisky-Deputat zur "Gästebewirtung", ausgesoffen mit und ohne Gäste, war bald nicht mehr en vogue.

Und was hatten sie am Baumwall gewonnen? Nicht viel, fanden einige am Anfang. Da war erstens das Fremdschämen für die vermeintliche Zerstörung dieser spezifischen Aura des Portugiesenviertels (Gentrifizierung), das nun aber, um den Trumm von Gruner + Jahr bereichert, lebendiger ist denn je zuvor. Denn seit der wunderbaren Nelkenrevolution lieben es auch Journalisten, portugiesischen Kaffee zu trinken und portugiesische Törtchen zu essen. Und das ist gut so. Da war zweitens dieses generelle Unbehagen gegenüber jeglicher Veränderung, auch Ortsveränderung, was gerade an Journalisten etwas irritiert, die doch vom Berichten über Veränderungen mehr leben denn von Nachrichten über jede Art von Stagnation.

Und da gab es, drittens, ein paar tatsächliche Probleme mit dem neuen Haus. Zum Beispiel hatte der Bau, wie es sich, Joschka Fischer und Co. sei Dank, schon gehörte, einen Umweltbeauftragten. Aber der hatte übersehen (oder so), dass sämtliche Fensterrahmen, und das Haus hatte sehr viele davon, aus Tropenholz gefertigt wurden. Tropenholz! Und dann nicht einmal in voller Schönheit zelebriert, sondern banal weiß überstrichen. Immerhin: Der Verein "GEO schützt den Regenwald" verdankt diesem, nun ja, Umstand seine Geburt. Von Robin Wood und Greenpeace gedrängt, gab Gruner + Jahr zur Kompensation eine halbe Million Mark in den Fundus dieser Initiative, die mittlerweile das Zigfache in vernünftige Schutzmaßnahmen auf mehreren Kontinenten investieren konnte. Devise: aus Fehlern lernen.

Auch im Mikrokosmos einer Redaktion gab es nach Bezug der neuen Immobilie ein paar Überraschungen. So war ausgerechnet der Vorführraum von Geo, für das Fotos ja eine nicht ganz unwichtige Rolle spielten, die lichteste Veranstaltung im gesamten Trakt, vorhanglos überdies, was längere Zeit gewisse Probleme bereitete, die Arbeiten der Fotoreporter während der Diaprojektion angemessen zu würdigen. Der damalige Chef von Geo war mittig in seiner Redaktion platziert worden, was man für einen frühen Ausdruck von flacher Hierarchie hätte halten können, nur bedeutete dies, dass seine zwei Sekretärinnen in einem wandlosen Freiraum neben den hier prinzipiell offenen Treppenverbindungen zwischen allen Stockwerken zu sitzen hatten; so frei, dass ihnen noch die Geburtstagsfeier der Anzeigen-Azubis drei Stockwerke tiefer zum Hörerlebnis wurde. Und das mochten sie nicht. Zugleich wurde die sehr angesehene Bildredaktion von Geo privilegiert im vierten Stock des Gebäudes angesiedelt, mit freier Sicht auf einen gläsernen Kuppelgang, von ebendiesem Gläsernen aber sommers auf 40 Grad plus aufgeheizt. Und das wiederum mochten die Dahinschmelzenden nicht.

Aber vergessen wir solche lässlichen Details. Was war die Philosophie dieses Hauses, dessen Geschichte als Produktionsstätte von life enriching media, von lebensbereichernden Medien wie art und Beef! und Schöner Wohnen und Essen & Trinken und stern und Brigitte und Gala und Geo und Geolino und, und, und nun absehbar zu Ende geht?