Wenn Sie es sich einfach machen wollen, brauchen wir Sie hier nicht. Nehmen Sie die S-Bahn, und fahren Sie in 13 Minuten nach Hamburg. Und das ist das Erste, was Sie über Harburg lernen können, wenn Sie es sich nicht einfach machen wollen: Harburg sieht sich nicht als Teil von Hamburg. Das hat gute, nämlich antifaschistische Gründe: Erst Hitler machte es 1937 zu einem Teil der Hansestadt.

Heute gehört Harburg zu den Bindestrich-Identitäten, den Städten mit Doppelnamen, und die standen nie für die große Liebe. Hamburg-Harburg, das ist wie Berlin-Spandau und München-Pasing. ICE-Fahrer kennen sie als Ärgernis, als unerwünschte Pause kurz vor dem Ziel. Dem Harburger bedeutet sein Bahnhof jedoch viel. Hier darf er vor den Hamburgern aus dem Fernzug steigen, was ihm ein Gefühl von Exklusivität gibt.

Gehen Sie vom Bahnhof zum Hafen. Kaufen Sie sich ein Bier am ältesten Kiosk Harburgs (und Hamburgs), setzen Sie sich ans Hafenbecken, und genießen Sie die touristenfreie Aussicht. Wenn Sie Glück haben, treffen Sie den Schlagersänger Gunter Gabriel, der hier auf einem Hausboot wohnt. Hinter Ihnen rauschen Lkw vorbei, vor Ihnen schauen rostige Kräne auf Schiffe herunter, die sich im Wasser wiegen und langsam Moos ansetzen.

Früher war Harburg ein wichtiger Elbhafen für das Königreich Hannover, über Jahrhunderte konkurrierte man mit dem großen Bruder um Anteile am Handel. Doch mit der Angliederung wurde Harburg samt seinem Hafen von Hamburg geschluckt. Das Gefühl des Harburgers, ewiger Underdog zu sein, erklärt sich aus dieser historischen Schmach.

Vom Hafen kommen Sie auf kurzem Weg in die Innenstadt. Laufen Sie durch die Lüneburger Straße. Einst eine lebendige Fußgängerzone, bietet sie heute die gefühlt größte Dichte an Billigbäckern, Ein-Euro-Shops und Secondhandläden Deutschlands. Auf dem Rathausplatz prosten Ihnen normalerweise die Trinker zu, die den Ort schon so lange beschlagnahmt haben, dass sie selbst eine Art Attraktion sind. Gerade hat der Weihnachtsmarkt sie vertrieben; jetzt trinken hier andere Leute.

Wer sich dafür interessiert, was man stadtplanerisch alles falsch machen kann, findet in Harburg ein Rezept: Man nehme ein kriegsversehrtes Arbeiterviertel und setze in Beton gegossene Sechziger-Jahre-Depression in seine Mitte. Dann baue man als Hafenzubringer die Cuxhavener Straße, von Harburgern liebevoll Cuxe genannt, einmal quer hindurch, um jedes Leben im Motorenlärm zu ersticken. Als Krönung stelle man an den Rand der Innenstadt eine monumentale Autobahnbrücke, die den Menschen so klein macht, wie es sonst nur Sowjetarchitektur vermag.