Diese beiden amerikanischen Filme könnten auf zwei unterschiedlichen Planeten entstanden sein, nennen wir sie Hollywood 1 und Hollywood 2. Der eine, Rogue One: A Star Wars Story, ist eine aus dem Themenfeld der galaktischen Kinoserie generierte, jedoch erzählerisch eigenständige, in sich geschlossene Disney-Produktion. Darin wird alles zusammengebacken, was die Star Wars-Kosmologie ausmacht: majestätische weiße Raumschiffe und ein schwarzer Todesstern, pittoreske Wüstenplaneten und Kommandozentralen mit Weltraumblick, eine böse Macht und eine von bunt zusammengewürfelten Rebellen verkörperte Gegenkraft, ein Schurke im schwarzen Wehrmachtshelm und eine verwegene Heldin.

Anders als in Das Erwachen der Macht, dem bisher letzten Teil der regulären Star Wars-Filme, wurden die allesamt flachen Figuren hier jedoch nach einem faden Multikulti-Gender-Schlüssel zusammengestellt: eine junge Heldin (die den Verzicht auf weitere weibliche Figuren legitimieren soll) sowie ihre Mitstreiter, die schwarz, asiatisch, skandinavisch, mexikanisch sind. Die Schurken erinnern an Russen während des Kalten Krieges, die Rebellen an amerikanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Alles wirkt wie die hundertmal neu aufgelegte Winterkollektion eines Designers namens George Lucas, an den sich schon niemand mehr erinnern kann. In Rogue One: A Star Wars Story verschlingt sich eine Pop-Mythologie im Rausch ihrer schier unendlichen Kommerzialisierung selbst – bis nur noch ein banales Rülpserchen übrigbleibt.

Auf dem anderen Planeten, Hollywood 2, entstand unterdessen ein Film, gedreht vom Modedesigner Tom Ford, der die Abgründe jener Stadt untersucht, in der die galaktischen Kinderträume von Hollywood 1 entstehen. In Nocturnal Animals spielt Amy Adams die Galeristin Susan Morrow, die von ihrem Ex-Mann ein Romanmanuskript geschickt bekommt. Es ist ein in Texas spielender Thriller, dessen Gewalt auch eine versteckte Drohung sein könnte. Als junge Frau hatte Susan sich selbst und ihren Mann verraten, denn sie stellte ihre Ambitionen als Künstlerin zurück, um als Galeristin Karriere zu machen, und verließ den scheinbar untalentierten Schriftsteller Edward (gespielt von Jake Gyllenhaal). Wenn Susan nun seinen Roman namens Nocturnal Animals liest, ziehen vor ihrem inneren Auge die Bilder des Thrillers vorbei, den sie in ihrer Fantasie mit sich selbst und dem Ex-Mann besetzt.

Das Buch handelt von einer Gang junger Männer, die auf einer nächtlichen Landstraße eine Familie in ihre Gewalt bringt und ihr Entsetzliches antut. Es ist eine sehr amerikanische Geschichte über Verbrechen, Schuld und Rache, über einen in vielerlei Hinsicht abgehalfterten Polizisten (Michael Shannon), der seinen großen Schicksalsmoment wittert. Vielleicht ist dieser Thriller ein schriftstellerischer Triumph, die symbolische Rache des Ex-Mannes an der Frau, die nicht an ihn geglaubt hat. Vielleicht ist er aber auch nur eine banale Story, deren brutale Vitalität allein in Susans Fantasie entsteht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Von der fliegensurrenden Hitze der texanischen Wüste springt Tom Fords Film immer wieder zurück in Susans "wirkliche" Welt. Wie ein Geist wandelt die Galeristin durch die glatten, glänzenden Interieurs von Los Angeles, vorbei an den Glasfronten ihres spektakulären Hauses und an der Gesichtsfassade ihres neuen Ehemanns, der sie aus schierer Langeweile betrügt. Amy Adams verkörpert die bodenlose Einsamkeit dieser Figur genauso beiläufig wie die souveräne Kälte, mit der sie sich durch das Kunstbusiness bewegt. Wahrscheinlich ist dieses Geschäft in Los Angeles nicht abgefuckter als anderswo. Aber in Tom Fords Film macht es kein Aufhebens von seiner Abgefucktheit. Nocturnal Animals beginnt mit einer Vernissage in Susans Galerie. Die ausgestellten Arbeiten sind Videoaufnahmen von grotesk übergewichtigen alten Frauen, die zu wummernden Technobeats mit der amerikanischen Flagge tanzen.

Susan Morrow ist sicherlich nicht die Frau, die in Los Angeles eine Star Wars -Premiere besuchen würde. Eher wäre sie genervt von dem Stau, den die Schaulustigen, die Jungstars und die Statisten mit den weißen Klonkrieger-Kostümen vor dem Pantages Theater auf dem Hollywood Boulevard hervorrufen. Wahrscheinlich würde sich Susan im Rückspiegel einfach noch etwas von ihrem unglaublich dunklen, unglaublich glänzenden Lippenstift auftragen und weiter zu ihrer Galerie fahren, wissend, dass sich das Spektakel, das sie verkauft, nur unwesentlich unterscheidet von dem, das die Star Wars-Zentrifuge in die Welt schleudert.

In Nocturnal Animals schaut sich Hollywood selbst beim Träumen zu, unruhig, fiebrig, gefangen in einem faszinierenden Nachtmahr ohne Erwachen.