Der neue Mann ist ein alter. Er ist 68 Jahre, formal ein Rentner, der vor zweieinhalb Jahren in einem Interview mit der FAZ sagte: "Ich gehe fest davon aus, dass ich nach 2016 nicht mehr im Profifußball tätig bin." Wird er nun aber doch sein. Zumindest dann, wenn man den HSV trotz seines eindeutigen Hangs zum tragikomischen Schauspiel weiter als Teil des Fußballgeschäfts betrachtet.

Heribert Bruchhagen, geboren am 4. September 1948 in Düsseldorf-Derendorf, ist der neue Vorstandsvorsitzende der HSV Fußball AG. Der Mann, der den Verein retten soll.

Hat er das drauf?

Auf den ersten Blick kann die Antwort nicht anders lauten als: ja. Schließlich hat Bruchhagen jahrzehntelang bewiesen, dass er Fußballvereine führen kann. Damit steht er für vieles, was dem HSV fehlt.

Stichwort Kontinuität: Bruchhagen war bis Ende Mai Vorstandsvorsitzender bei Eintracht Frankfurt. Und das nicht etwa wie sein Vorgänger beim HSV, Dietmar Beiersdorfer, seit zweieinhalb Jahren, sondern seit 2003, also seit 13 Jahren. Schafft er es auch beim HSV so lange? Das kann sich in der derzeitigen Situation kaum einer vorstellen, zumal Bruchhagen am Ende dieser Amtszeit 81 Jahre alt wäre. Fest steht allerdings: Bruchhagen kann aushalten, er kann langfristig planen und lässt sich nicht mal von Abstiegen aus der Ruhe bringen. Die musste er in Frankfurt gleich zweimal erleben.

Stichwort Finanzen: Als Heribert Bruchhagen bei der Eintracht anfing, spielte der Verein in der zweiten Liga und war hoch verschuldet. 16 Millionen Euro musste Bruchhagen herbeischaffen, die Lizenz war in Gefahr. Die Mannschaft stieg auf, Bruchhagen wirtschaftete gut, und Eintracht Frankfurt hat heute keine Probleme mehr, die Lizenz zu erhalten.

Stichwort Realismus: Bruchhagen ist kein Visionär. Er beschäftigt sich lieber mit dem, was ist. Besser nach unten schauen, bevor man unten ist, das ist ein typischer Satz von ihm. Als Chef von Eintracht Frankfurt sagte er, sein Verein sei im Wettbewerb nicht stärker als Mainz und solle daher auch gar nicht versuchen, höhere Ziele zu erreichen. Eine Portion Demut täte dem HSV gewiss gut. Einen Satz wie "Wir sind im Wettbewerb nicht stärker als Werder Bremen und sollten daher auch gar nicht versuchen, höhere Ziele zu erreichen" sollte Bruchhagen aber besser von seinem Sprechzettel streichen. Nicht weil der Satz nicht stimmen würde, sondern weil die Fans ihm das übel nähmen.

Stichwort Ruhe: Bruchhagen kennt den HSV. Er hat schon einmal bei dem Verein gearbeitet, als Manager zwischen 1992 und 1994. Er weiß, worauf er sich einlässt. Seine Erfahrung kann helfen, die Hektik im Verein einzudämmen. Das ist gerade bitter nötig. Kurz nach Dietmar Beiersdorfer verließ auch der Aufsichtsratsvorsitzende Karl Gernandt den HSV. Gernandt war der verlängerte Arm von Mäzen Klaus-Michael Kühne. Wird Kühne sein Engagement nun zurückfahren? Nimmt Kühne es Bruchhagen krumm, dass er seine Rolle im Verein öffentlich kritisiert hat? Es gibt viele Unbekannte, mit denen Bruchhagen umgehen muss. Helfen werden ihm dabei seine Kontakte in die Liga und zu den Medien. In den wenigen Monaten, die er als Rentner verbrachte, arbeitete Bruchhagen als Experte für den Bezahlsender Sky. Viele Journalisten kennt er seit Jahrzehnten, gerade zum Springer-Verlag hat er beste Kontakte.

Ob Bruchhagen Erfolg haben wird, hängt vor allem vom neuen Sportdirektor ab

Der verlorene Sohn – ein Glücksgriff für den HSV? So einfach ist es dann doch nicht.

Erste Erinnerung: Der damals designierte Aufsichtsratschef Karl Gernandt wurde am 25. Mai 2014 in seiner Rede von einem Beifallssturm der Mitglieder unterbrochen, als er die Rückkehr des verlorenen Sohnes Dietmar Beiersdorfer verkündete. Mit Rettern hat der HSV in jüngster Vergangenheit keine guten Erfahrungen gemacht.