Vor Jahren habe ich einen Cartoon gesehen, dessen Pointe ich bis heute nicht verstanden habe: Ein schwarzer und ein weißer Wissenschaftler treten auf ein Podium. Der Weiße erteilt seinem Kollegen das Wort: "Herr Professor, bevor Sie uns Ihre Forschung zur Quantenphysik erklären, könnten Sie uns die Freude machen, ein Gospel zu singen?" Ist das ein Witz über Rassismus oder über die wohlmeinende Attitüde, mit der er vorgetragen wird?

Diese Frage fiel mir ein, als sich nach Trumps Wahlsieg die Opponenten einer Debatte über "Identitätspolitik" gegenseitig vorwarfen, beste Absichten vorzuschützen, in Wirklichkeit aber der rassistischen Spaltung der Gesellschaft Vorschub zu leisten. Der Politikwissenschaftler Mark Lilla hatte den Streit verursacht, als er in der New York Times die Meinung vertrat, Trump habe die abgehängte weiße Arbeiterschaft für sich gewonnen, weil Hillary Clinton zu häufig für andere marginalisierte Gruppen eingetreten sei, wie Schwarze, Frauen oder LGBT-Communitys.

Lilla hat damit ein altbekanntes Argument auf den Wahlausgang in den USA angewandt. Seit Jahrzehnten wird der Diversitäts-verliebten Linken vorgeworfen, sie pflege Partikularinteressen, wenn nicht am Gospelsingen, so doch an Lappalien wie Transgendertoiletten. Dabei vernachlässige sie ihre Zuständigkeit für die Klassenfrage und fordere die sich ihrerseits identitär schließende Front der Rechtspopulisten heraus. Gegner dieser Position wandten ein (etwa in der Süddeutschen und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung), die Identitätspolitik historisch Unterdrückter müsse geschützt werden, weil man sonst gelungene Emanzipationsfortschritte rückgängig mache und dem Rassismus Trumps in die Hände arbeite.

Damit ging diese Debatte aber völlig an ihrem Gegenstand vorbei. Denn Identitätspolitik kann an der realen Spaltung der Gesellschaft weder schuld sein noch darf man von ihr erwarten, dass sie langfristig für Frieden und Fortschritt sorgt. Es ist fahrlässig, ausgerechnet in einem Moment, in dem die Spannungen in der Gesellschaft stärker werden, eine kritische Methode durch falsche Erwartungen unbrauchbar zu machen, die auf soziale Ungerechtigkeit in Wahrheit sehr differenziert reagiert. Man muss sich deshalb noch einmal vor Augen halten, was ursprünglich die Idee der Identitätspolitik war: zu zeigen, dass die Möglichkeiten des Einzelnen, in der Gesellschaft erfolgreich zu sein, durch Eigenschaften bedingt werden, für die er nichts kann. Sei es das Vorhandensein ökonomischen oder kulturellen Kapitals in der Familie, die Hautfarbe oder sexuelle Orientierung. Wobei ihre Kritiker ihr nachsagen, die Identitätspolitik gehe ungerecht mit Ungerechtigkeiten um, Schwarze oder Transsexuelle seien identitätspolitisch irgendwie beliebter als von der Weltwirtschaft abgehängte Weiße. Das ist aber eine verzerrte Perspektive. Wir kennen den Vorwurf aus Liebesbeziehungen: "Immer redest du nur von dir, nie denkst du mal an mich."

Dieses sehr menschliche Gefühl hat Donald Trump für seine ideologische Strategie genutzt, indem er verschiedene Arten der Diskriminierung gegeneinander ausspielte und zum Beispiel Ärmeren vormachte, es befördere irgendwie ihre Freiheit, wenn man von Latinos, Frauen und Körperbehinderten rücksichtslos reden dürfe. Gerade von den Gesprächspartnern intellektueller Debatten erwarte ich aber, dass sie derartig falsche Aporien nicht reproduzieren. Schon gar nicht sollte man ihnen vor Schreck über Trumps Macht sofort ein Opfer darbringen und mit der Identitätspolitik eine entscheidende Waffe der Kritik aus der Hand geben. Stattdessen sollten wir aus diesem Scheinwiderspruch sofort wieder aussteigen: Kein Mensch steht vor der Entscheidung, ob er in Wohlstand leben oder seine Mitmenschen achten will. Identitätspolitik dagegen zeigt, wie man verschiedene Interessen artikulieren und auch politisch repräsentieren kann. Dazu brauchen wir sie jetzt dringender denn je und müssen sie sogar noch radikaler betreiben.

Eine Voraussetzung dafür ist es, sich nicht nur philanthropisch unter das Joch der Minderheiten zu beugen, sondern sich bewusst zu machen, was es bedeutet, von Diskriminierung nicht betroffen zu sein. Die amerikanische Bildungsforscherin Peggy McIntosh hat 1988 in ihrem klassischen Text zur Identitätspolitik White Privilege. Unpacking the Invisible Knapsack eine Liste spezieller Freiheiten aufgestellt, in deren Genuss das Establishment kommt. McIntosh nannte sie "weiße Privilegien", betonte aber, dass man nach demselben Muster über sexuelle oder religiöse Freiheit, körperliche oder ökonomische Fitness nachdenken kann. Zwei Beispiele für weiße Privilegien: "Ich werde nie aufgefordert, für alle Leute meiner Hautfarbe zu sprechen", oder "Ich kann öffentlich zu einer Gruppe einflussreicher Männer sprechen, ohne dass meine Hautfarbe auf dem Prüfstand steht". Der erwähnte Cartoon zeigt zwei Männer, die da offenbar sehr verschiedene Ausgangsbedingungen haben. Deshalb bemerkt der Weiße den Mechanismus der Diskriminierung nicht einmal. Seine pomadige Naivität ist der Witz.