DIE ZEIT: Sie sind Leiter der arabischsprachigen psychologischen Ambulanz in Berlin. Wie sind Ihre Erfahrungen mit Flüchtlingen?

Malek Bajbouj: Wir haben zurzeit ungefähr 300 Patienten. Etwa jeder fünfte hat eine posttraumatische Belastungsstörung, 30 Prozent haben Depressionen, ein Drittel der Patienten hat Anpassungsstörungen, also Schwierigkeiten, mit den neuen Bedingungen zurechtzukommen. Das heißt nicht, dass jeder dritte Flüchtling eine Depression hat, sondern von denen, die sich in einer psychiatrischen Einrichtung vorstellen, ist es einer von dreien. Wir haben den Eindruck, dass viele Patienten erst jetzt, wo sie langsam ankommen, von ihren Traumatisierungen berichten. Vorher waren sie im Überlebensmodus. Jetzt, wo etwas Ruhe herrscht, brechen manche Erkrankungen aus.

ZEIT: Was sind das für Anpassungsschwierigkeiten?

Bajbouj: Wohnung, Sprache, Arbeit, Angehörige, Kultur.

ZEIT: Was ist an der deutschen Kultur schwierig?

Bajbouj: Die Offenheit. Mit der Gleichberechtigung haben sowohl Männer als auch Frauen Probleme. In Deutschland wird von weiblichen Flüchtlingen erwartet, selbstbewusster aufzutreten. Die meisten nehmen das als Chance wahr. Einige aber kommen nicht damit zurecht. Für die Männer ist es noch schwieriger. Wir konzentrieren uns häufig auf die Frauen, gerade aber sagte einer meiner Mitarbeiter in der Teambesprechung: Wir sollten jetzt anfangen, mit den Männern zu arbeiten. Sie sind in einer Welt groß geworden, in der Männer das Zentrum der Familie sind. Und jetzt soll es plötzlich gleichberechtigte Fürsorge für die Familie geben. Aber Macht teilen nun mal die allerwenigsten Männer freiwillig.

ZEIT: Wie arbeiten Sie mit ihnen?

Bajbouj: Stellen Sie sich vor, ein kalifornisches Mädchen würde plötzlich in Amman auftauchen, und eine jordanische Bauersfrau in L.A. Beide würden in dem jeweils anderen kulturellen Kontext als total auffällig gelten. Das kalifornische Mädchen würde in Jordanien als manisch angesehen, die jordanische Bauersfrau in L.A. als Alien. Man muss also erst einmal die Selbstverständlichkeiten lernen. Wie man miteinander redet, die ersten Schritte aufeinander zugeht, Redlichkeit, Höflichkeit und auch, dass es okay ist, wenn sich Männer und Frauen die Hand geben.

ZEIT: Nach dem Mord an einer 19-jährigen Studentin in Freiburg machen sich viele wieder Sorgen wegen sexueller Gewalt, die von Flüchtlingen ausgeht.

Bajbouj: Mit dieser Frage habe ich gerechnet. Es wirkt nicht angemessen, wenn ich Ihnen erzähle, wie wir den Menschen das Händeschütteln beibringen, während alle dieses Verbrechen im Kopf haben.

ZEIT: Der mutmaßliche Mörder der Studentin, ein afghanischer Flüchtling, lebte bei einer Gastfamilie, also unter idealen Integrationsbedingungen. Hätte man irgendwie feststellen können, dass etwas nicht stimmt?

Bajbouj: Ich habe ein Problem damit, Ferndiagnosen abzugeben. Aber man kann Risikoprofile anlegen. Man hat Kriegsveteranen untersucht, die Gewalt erfahren haben. Und es gibt relativ klare Indikatoren dafür, wer von ihnen gewalttätig wird – möglicherweise kann man das auf die Situation von Geflüchteten übertragen. Eine posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) allein ist kein Risikofaktor. Wenn das aber zusammenkommt mit einer wenig widerstandsfähigen Persönlichkeit, mit Sucht, Perspektivlosigkeit, Gewalterfahrungen, dann steigert sich die Wahrscheinlichkeit um ein Vielfaches. Aber es gibt keine Garantie für Prognosen, die gibt es bei Nichtflüchtlingen ja auch nicht.