Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Die Tochter ist Musiklehrerin, ihr drittes Kind ist geistig behindert, ein munterer Knabe von sieben Jahren mit einem IQ von etwa 60. Sie bittet mich, ihn ein paar Stunden zu hüten, und ich sage leichthin zu. Als dann seine Mutter die Tür hinter sich zugezogen hat, sitze ich mit dem Kerlchen am Küchentisch, er löffelt seinen Brei, ich trinke meinen Kaffee, schlaue Gespräche wie mit den anderen Enkelsöhnen kann ich mit ihm nicht führen, aber irgendwie werden wir die Zeit schon rumkriegen, drei Stunden immerhin, die mir gerade sehr lang vorkommen. Es regnet, wir können nicht auf den Spielplatz. Was könnten wir machen? Holzeisenbahn? Malen? Kneten? Wie trostlos. Für mich trostlos.

Aber für ihn? Keine Ahnung. Er scheint ganz unternehmungslustig, jetzt ist er aufgestanden, sucht in einer Schublade herum, fördert einen Flaschenöffner hervor und hat seine Freude daran. Dann gibt er ihn mir. Der Öffner hat zwei verchromte Ärmchen, um Korken aus Flaschenhälsen herauszuhebeln. Die kann er auch mit großer Geste in die Luft reißen und fallen lassen, wie mir nun auffällt. Ich lasse ihn hinter die Teekanne tippeln, stelle den Müslikarton daneben, sage: "Das Tor ist zu", lasse ihn von hinten an die Kanne klopfen, sage: "Will rein, es regnet, mir ist kalt." Quietschend öffnet sich das Tor, und der frierende Korkenzieher kann zwischen Karton und Teekanne zu uns ins Warme hüpfen. Der Enkelsohn lacht und klatscht in die Hände. "Mal?", fragt er. Ich wiederhole die Szene in Varianten, und er ist jedes Mal von Neuem begeistert. "Bin müde, will schlafen", lasse ich den Öffner sagen, der Enkelsohn flitzt los und kommt mit seinem Schlafkissen zurück. Wir betten das verchromte Männlein, decken es mit dem Geschirrtuch zu, dann beginne ich ein Schlaflied und der Enkelsohn singt die letzten Worte jeder Zeile mit. Wir schleichen uns ins Wohnzimmer; ohne Licht zu machen, holt er die Ukulele aus dem Schrank und das Tamburin, dann auch Flöte und Xylofon. Wir beklopfen und streicheln die Felle und Resonanz- böden, versenken uns in rhythmisch- melodische Schleifen. In einer minimalistischen Jamsession können wir uns aussingen und kennenlernen.

Der Enkelsohn ist musikalisch, mal hört er zu, mal trommelt er, singt und tanzt gleichzeitig. Kaum hören wir den Schlüssel in der Wohnungstür. "Mama?", fragt er und flitzt los. Doch er kommt gleich zurück ins Halbdunkel, und wir vertiefen uns wieder ins Spiel, bis seine Mama das Abendbrot auf den Tisch gestellt hat. "Euch ging’s wohl gut miteinander", sagt sie. Ich nicke. "Weißt du was", sage ich, "ich dachte immer, der göttliche Funke in uns Menschen sei die Intelligenz."