Alessandro Di Battista setzt sich kurz entschlossen auf den Boden, klappt seinen Laptop auf und redet mit Verve in sein Mobiltelefon: "Ich habe den Journalisten erklärt, dass wir ..." – es folgt ein atemloser Redeschwall. Di Battista ist ein Mann mit einer Mission. Immerhin, er und seine Mitstreiter vom MoVimento 5 Stelle (M5S) wollen Italien von Grund auf verändern.

Der Ort, in dem sich der hochgewachsene, schlanke Di Battista spontan auf den kalten Marmor setzt, ist das italienische Parlament, eine ehrwürdige Institution, die bis vor wenigen Jahren noch auf strikter Kleiderordnung bestand. Anzug und Krawatte waren Pflicht. Der jahrzehntelang aufrechterhaltene Dresscode fiel indes nach dem Februar 2013. Damals zog die Fünf-Sterne-Bewegung in die Volksvertretung ein. Anzug- und Krawattenpflicht ist für sie ein Zeichen der Distanz zum Volk. Und der M5S versteht sich als wahre Stimme des Volkes.

Aus dem Stand hatte der M5S bei der damaligen Parlamentswahl 25 Prozent der Stimmen erreicht. Nicht einmal drei Jahre später ist aus der radikalen Bewegung eine mögliche Regierungspartei geworden. Denn am 4. Dezember verlor Ministerpräsident Matteo Renzi das Referendum über seine Verfassungsreform. 60 Prozent der Wählenden lehnten die Reform ab, das sind knapp 20 Millionen Italiener. Renzi trat zurück. Dem M5S genügt das aber nicht. Die Anfang dieser Woche vereidigte neue Regierung, noch immer unter Führung von Renzis Partito Democratico (PD), lehnen die Fünf Sterne rundweg ab. "Ich will Neuwahlen, sofort. Ich ertrage es nicht mehr!", sagt Di Battista.

Im Fall von vorzeitigen Neuwahlen könnte der M5S stärkste Partei werden. In Umfragen liegt die Bewegung seit Langem stabil bei 30 Prozent. Sollte nach dem derzeit geltenden Wahlrecht gewählt werden, bekäme der Sieger sogar noch zusätzliche Sitze hinzu, gleichsam als Prämie. Die Bewegung könnte Italien dann allein regieren. Noch in der Nacht nach dem Referendum trat der 30-jährige Luigi Di Maio, Abgeordneter des M5S, vor die Presse und verkündete selbstbewusst: "Wir bereiten uns auf die Regierung vor!"

Aber ist der M5S überhaupt regierungsfähig? Eine Truppe von weitgehend unbekannten, unerfahrenen Außenseitern an der Spitze der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone – allein die Vorstellung erzeugt in Brüssel und Berlin Schweißausbrüche.

Luigi Di Maio und Fabio Di Battista sind mögliche Kandidaten für Regierungsämter, darunter auch das Amt des Ministerpräsidenten. Das Duo spiegelt die zwei Seelen der Fünf-Sterne-Bewegung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Di Maio ist – wie ein alter Hase der italienischen Politik maliziös anmerkt – in Wahrheit ein "geborener Christdemokrat". Das hieße: katholisch, Mitte-rechts, staatstragend, machtbewusst und mit einer quasi natürlichen Fähigkeit zur Beziehungspflege über alle Parteigrenzen hinweg ausgestattet. Di Maios Erscheinung passt zu dieser Beschreibung. Tadellos gekleidet (siehe da: Anzug und Krawatte), antwortet er auf jede Frage mit großer Ruhe, auch Provokationen bringen ihn nicht aus der Fassung. Wo der M5S laut und schrill ist, da ist Di Maio geradezu leise. Auch deshalb gilt er vielen politischen Konkurrenten als einer, mit dem man in Zukunft Kompromisse schließen könnte.

Di Battista wiederum kommt aus der Dritte-Welt-Bewegung. Lange hat er Lateinamerika bereist und dort auch eine Zeit lang gearbeitet. Gerade hat er seine politische Autobiografie veröffentlicht, mit 38 Jahren. Sie ist im romantischen Duktus eines jungen Mannes geschrieben, der die Hässlichkeiten der Welt entdeckt und fest an das Gute glaubt. Im Gespräch mit der ZEIT sagt Di Battista: "Ich war immer links!"

Also rechts versus links? Repräsentieren Di Maio und Di Battista zwei gegensätzliche Positionen innerhalb der Bewegung? In ihren Augen wäre diese Behauptung eine typisch journalistische Verzerrung. Der M5S sei weder rechts noch links, das betonen beide . Der M5S lehnt solche Kategorien ab, auch das ist ein Teil seines Erfolgsgeheimnisses. Der Bewegung ist es gelungen, Millionen Italiener gegen die Parteien als solche zu mobilisieren. Di Battista sagt: "Die waren alle schon mal dran, und sie haben das Land in den Abgrund geführt."