Lieber José,

meine erste Begegnung mit Dir: Frühsommer 2000 bin ich Stipendiat im Stuttgarter Schriftstellerhaus. Wie an solchen Orten üblich, stehen auf einem Regal die Werke der Vorgänger. Ich fand Deine Texte schwer zugänglich, das F. A. zwischen Vornamen und Namen ziemlich gespreizt. Und wunderte mich: geboren in Hausach, lebt in Hausach ...

Es war also Liebe auf den zweiten Blick. 2015 lernte ich Dich, Deine Literatur und Dein Hausach persönlich kennen. Deine Lyrik, die fragend nah beim Wort, beim Laut, manchmal sogar bei der Sprechpause ist, ergriff mich. Sie kennt keine Kompromisse und keine Ausflüchte. Respekt! Was mich aber ganz von Dir einnehmen ließ, ist Deine Fähigkeit, diese Deine Welt der modernen Literatur mit Deinen Mitmenschen zu teilen.

Vor 20 Jahren riefst Du den ersten Hausacher LeseLenz aus. Was mit einer Lyriklesung am Sonntagvormittag begann, hat sich zu zweiwöchigen Literaturfestspielen entwickelt, die ihresgleichen in Deutschland suchen. Ganz Hausach ist am LeseLenz beteiligt. Wie ist das möglich? Ich will das Geheimnis hier verraten.

Man muss Dich am 11. 11. bei der Hauptversammlung der Hausacher Narrenzunft, dem größten Verein in Hausach, erlebt haben. Ich saß stundenlang irritiert-gebannt in der Stadthalle und hörte zu, wie Du im breitesten Alemannisch als Vize-Narrenvater Reden hieltst, Schnitzelbänke vortrugst und dazwischen immer wieder das dreifache Narri-Narro ohne jede Verfremdung ausriefst. Das war kein Spagat. Du verstellst Dich nie, unter Narren so wenig wie unter Literaten. Deshalb funktioniert der LeseLenz so gut: Ein feiner, avantgardistischer Lyriker ist gleichzeitig auch ein beherzter Vize-Narrenvater. Dank Dir werden in Hausach Fasnacht und LeseLenz mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Begeisterung gefeiert.

Die Hausacherinnen fragen sich, wie sie es verdient haben, dass Du im Gepäck Deiner Eltern ausgerechnet in Hausach zur Welt kamst. Und da bliebst und da bleibst. Sie haben dank Dir den Satz von Paulus verstanden: Seid gastfreundlich, denn so haben viele ohne ihr Wissen Engel bei sich aufgenommen. Das ist die politische Dimension Deines Werkes.

Lieber José, Du versammelst um Dich lauter Liebhaberinnen und Liebhaber der Literatur. Im Wissen darum, dass ich nur einer von vielen bin, wünsche ich Dir noch viele Jahre der Poesie und ein wunderbares LeseLenz-Jubiläum im kommenden Juli!

Franco Supino, 51, ist Schweizer Schriftsteller und lebt in Solothurn