Ist der Mensch so? Erklärt er sich, wenn überhaupt, nur dann mit dem Leid der anderen solidarisch, wenn er glaubt, mit ihnen etwas gemein zu haben: dieselbe Herkunft, dieselbe Kultur, denselben Glauben ans bessere Dies- und schönere Jenseits? Empfindet er nur dann Mitgefühl mit Notleidenden, wenn er glaubt, dass ihre Not auch ihn bedroht und deshalb angeht? Nein, dieser Text will nicht denen ein schlechtes Gewissen einreden, die jeden Flüchtlingskahn an Griechenlands Küste als Beweis einer muslimischen Abendland-Invasion sehen (obwohl durchaus ein schlechtes Gewissen haben sollte, wer sich an dieser Stelle angesprochen fühlt). Dieser Text fragt danach, warum vielen auch das Leid derer oft so herzlich egal zu sein scheint, mit denen man eigentlich viel gemeinsam hat.

Nehmen wir Kairo. Da sterben bei einem Anschlag auf eine Kirche 25 Christen. Traditionell empören Anschläge gegen Christen hierzulande öffentlich meist nur einige kirchennahe Aufrechte, Volker Kauder (CDU) etwa, sowie all die, die schon vorher an eine muslimische Weltverschwörung glaubten und nach Bestätigung suchen. Wer nicht an die Verschwörung glaubt und Mitgefühl empfindet, will verständlicherweise nicht mit denen in einen Topf geworfen werden, die das Thema mit ihrem Geschrei besetzt zu haben scheinen. Die Folge: Man betet für den leidenden anderen und lässt sich lieber die Zunge mit glühenden Zangen herausreißen, als sich am Wort "Christenverfolgung" öffentlich das Mündchen zu verbrennen.

Die Solidarität der Feigen – das ist das eine Problem. Doch es gibt auch die Solidarität der Ohnmächtigen. Sehen die die Bilder aus Kairo in den Abendnachrichten, erschrecken sie weniger über das Geschehene als über das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit. Um der etwas entgegenzusetzen, hübschen viele ihr Facebook-Profil mit Solidaritätszeichen auf. Das lässt einen leichter weitermachen wie bisher. Doch obwohl digitale Solidaritätsadressen nicht frei sind von Eigennutz: Die Ohnmächtigen tun etwas. Dadurch unterscheiden sie sich angenehm von allen im Abendland, die glauben, mit den Christen des Morgenlands wenig bis nichts gemein zu haben.

So selbstbestimmt, selbst gebaut und selbstreferenziell ist mittlerweile oft das spirituelle Wohlbefinden, dass die Sinnsucher und Glaubenshedonisten gar nicht glauben können, dass sie überhaupt etwas verbindet mit anderen – vor allem, wenn diese anderen auch noch bereit sind, zu leiden für den Glauben. Aber immerhin: Auch der hiesige Sinnsucher erkennt an, dass der fremde Glaube ihm etwas zu bieten hat, eine Antwort auf eine Frage nach dem Sein, die er meint finden zu können beim Schnupperwochenende im Wüstenkloster oder beim Bäuchleinstreicheln mit Buddha. Der geteilte Glaube an Was-auch-immer kann Basis sein, um Mitgefühl zu entwickeln. Und Mitgefühl ist Basis für Solidarität. Doch dafür muss man sich für die Welt interessieren und sie nicht als Rohstofflieferant (für die Weltanschauung) sehen.

Trotz oder wegen der Globalisierung interessieren sich jedoch immer weniger Menschen für das, was jenseits der heimischen Scholle passiert. Mehr noch: Der Glaube, dass die Globalisierung mehr von Übel als von Nutzen ist, befeuert die Angst vor der Fremde. In der Fremde leben, denken, glauben die Menschen anders. Was dem Sinnsucher als Versprechen erscheint, empfindet der Globalisierungsskeptiker als Bedrohung. Die Fremde wird ihm zur Brutstätte archaischer Rituale, praktiziert von Eingeborenen mit defizitärem Frauenbild und Demokratieverständnis. So sehen viele Deutsche den Islam. So sehen sie insgeheim auch das Christentum. Religionskritik leiht sich das Ressentiment beim Rassismus und umgekehrt. Zudem werden viele ehemalige Christen in Europa durch die Christen Kairos, Syriens und des Irak an eine überwunden geglaubte Zeit erinnert. In der litten und stritten auch in Europa Christen für ihren Glauben. Wie soll man sich als aufgeklärter Rationalist mit den leidenden Christen der Welt solidarisch erklären, wenn man gleichzeitig überzeugt ist, dass das, woran sie glauben, lediglich Ausdruck einer rückständigen Verblendung ist?

Auch deshalb tun sich viele Deutsche schwer damit, von Christenverfolgung zu sprechen. Und wenn, folgt reflexhaft der Satz: "Aber es sind die gemäßigten Muslime, die vor allem unter dem Terror leiden." Als würde das Leid der einen Gruppe das der anderen neutralisieren und rechtfertigen, dass beide gleichermaßen unerwünscht sind in Westeuropa.

Dabei ist Leid so universell wie individuell. Als nach dem Zweiten Weltkriegs Millionen Vertriebene gen Westen zogen, zeigten die Deutschen ebenfalls wenig Solidarität. Zu sehr erinnerten die Vertriebenen sie an den gescheiterten Traum vom globalisierten Germanentum. Wer Verständnis zeigte, stand im Ruf, die deutsche Schuld zu relativieren. Deshalb sah man lange in Vertriebenen keine Leidensgenossen, keine Deutschen, sondern "Polacken" und Schlimmeres. Ihre Traditionen, Sitten, Bräuche galten als provinziell. Dass sie Christen waren, half ihnen wenig. Man zwang sie in die Parallelgesellschaft. Sie hatten keine Stimme.

Erst als die Vertriebenen begannen, mit Marion Gräfin Dönhoff oder Günter Grass ihre Leidensbiografien in Geschichten zu übersetzen, deren Menschlichkeit Vertriebene und Einheimische verband, hörte Deutschland zu. Spätestens als das Leid der Vertriebenen nobelpreiswürdig wurde, ließ es sich nicht mehr ignorieren und marginalisieren. So ist das mit der Solidarität: Sie lebt von der Bereitschaft, zuzuhören – und dem Mut, der Welt so von sich zu erzählen, dass die Welt nicht anders kann, als sich darin zu erkennen.