Wer das Jahr 2016 besonders schrecklich fand, vergisst leicht, dass die Welt bereits seit geraumer Zeit untergeht. Unterdessen ist Apokalypse so allgegenwärtig, dass viele Menschen davon ziemlich unbeeindruckt erscheinen. Wer in der ewigen Untergangsstimmung der letzten Jahre aufwuchs, scheint davon gar gelangweilt.

Durch zahlreiche Werke angesagter junger Künstler der jüngsten Zeit schleppen sich wahlweise abgestumpfte oder hedonistisch-überdrehte Millennials, die jede herannahende Katastrophe gekonnt verdrängen. In den Performances von Anne Imhof beispielsweise stapfen in Ennui erstarrte Mittzwanziger durch vernebelte Museumsräume, während die Filme des Videokünstlers Ryan Trecartin gern mit durchgeknallten Partyhipstern aus Los Angeles besetzt werden.

Einem ähnlichen Schema folgen die Videos der deutschen Künstlerin Loretta Fahrenholz, die gerade in Kassel und Amsterdam groß gezeigt werden. Auch in ihren Arbeiten tummeln sich Millennials, und schon bald scheint eine Katastrophe hereinzubrechen. Die Ästhetik erinnert an Imhof und Trecartin, doch anders als der Amerikaner mit seinen fast epileptischen Videos arbeitet Fahrenholz, 1981 in Salzgitter geboren, in ihren Werken weitaus narrativer.

Sie erzählt Geschichten – und das erweist sich als ein viel größeres Wagnis und ist weit schwieriger, als bloß eine irre Szene an die nächste zu reihen und sich damit gegen jede Kritik zu immunisieren. Jeder Vorwurf der Inkonsistenz oder Aussagelosigkeit verbietet sich von vornherein, denn es regiert ja eh das wirre Prinzip der Assoziation. Fahrenholz will da mehr Verbindlichkeit wagen.

Um eine Meisterleistung der Verdrängung dreht sich ihre neuste Videoarbeit, die in ostdeutschen Plattenbauten spielt. Es ist die Geschichte eines Mädchens, Sanna, das in einer Familie von sogenannten Watchers aufwächst, telepathisch begabten Wesen, die die Gedanken anderer überwachen. Sie will weg, auf in die große Stadt, wo ihre Schwester als Sängerin arbeitet.

Eine Clique von urbanen Hipstern spinnt in der Stadt derweil an ihren eigenen Problemen, bis schließlich einige Liebesverwirrungen auf einer Party eskalieren. Während des ganzen Films erklingt ein ominöses Dröhnen, wie die Vorahnung eines schrecklichen Ereignisses. Dazwischen sind körnige Bilder in der Ästhetik einer Überwachungskamera geschaltet.

Vor dem Hintergrund von Überwachungsstaat und sich ausbreitendem Neofaschismus erscheint die gelangweilte Endzeitstimmung der Großstadthipster, ihre selbstzentrierte und neurotische Beschäftigung mit nichtigen Kränkungen als die eigentliche, die wahre Gefahr. Der Film soll von Irmgard Keuns Roman Nach Mitternacht inspiriert sein, der 1937 den Aufstieg der Nationalsozialisten beschrieb. Der Hedonismus und Drogenkonsum auf der Party erscheint so nur noch als Akt der Verdrängung.