* 11. 5. 1921 - † 7. 12. 2016

Es war irgendwann im Frühjahr 1988, in der alten Hauptstadt Bonn. Etwas atemlos stürzte die damals 67-jährige FDP-Bundestagsabgeordnete Hildegard Hamm-Brücher in ihr Büro. Sie kam von einer Diskussionsveranstaltung über den Liberalismus und hatte sich verspätet, was sie hasste. "Fragen Sie mich jetzt bloß nicht auch noch nach der Existenzberechtigung meiner Partei", fuhr sie den im Vorzimmer wartenden jungen Journalisten an. "Wenn Sie mit mir reden wollen, bitte über liberale Inhalte, die sind wichtiger als die FDP."

Und schon war sie mittendrin in ihrem Lebensthema, der Demokratie und der Freiheit, Werte, die keine Selbstverständlichkeit seien, sondern immer wieder neu erkämpft werden müssten, von der Gesellschaft und von jedem Einzelnen.

Die Nazizeit hatte die 1921 geborene Hildegard Brücher entscheidend geprägt. Sie wuchs, nachdem ihre Eltern früh gestorben waren, mit ihren vier Geschwistern bei der heiß geliebten jüdischen Großmutter in Dresden auf. Bis die sich, als sie 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert werden sollte, das Leben nahm. Hamm-Brücher, nach den Nürnberger Gesetzen "Halbjüdin", lernte Sophie Scholl kennen und hätte sich fast selbst den Widerstandskämpfern angeschlossen. Ein Pastor hielt sie davon ab. Sie schwor sich, sollte sie die Terrorjahre überstehen, die Erinnerung an die Verbrechen wachzuhalten und gegen Unrecht zu kämpfen.

Nach dem Ende des Krieges warb der liberale Politiker Theodor Heuss die junge Journalistin für die FDP an. Der Eintritt in diese Partei lag nicht gerade nahe, war die FDP damals doch ein Sammelbecken für Altnazis. Aber mit denen rechnete Hamm-Brücher hart ab. Nichts verachtete sie mehr als Geschichtsvergessenheit, Duckmäuserei und Gleichgültigkeit.

Die Politik wurde zu ihrem Beruf, sie bekleidete zahlreiche Ämter, war Staatssekretärin im Bildungs- und Außenministerium. Vor allem die Bildungspolitik war ihr ein Herzensanliegen. Manche belächelten die stets vornehm gekleidete und manchmal ein wenig hochfahrende ehemalige Internatsschülerin als elitäre "Bildungstante".

Doch das war ungerecht. Hamm-Brücher war eine Reformerin. Als vordringliche Aufgabe sah sie es, junge Menschen zu selbstbewussten und demokratischen Bürgern zu erziehen. "Die Bildungspolitik ist eine urliberale Aufgabe", sagte sie, "denn der mündige Bürger fällt uns nicht in den Schoß und auch nicht vom Himmel. Wir müssen ihn wollen und die Chance eröffnen, dass er in der Schul- und Jugendzeit dazu herangebildet wird."

Immer wieder haderte Hamm-Brücher mit ihrer Partei. 1982 weigerte sie sich, den Koalitionswechsel der FDP von den Sozialdemokraten zur CDU mitzumachen. Im November 1994, kurz nachdem sie als Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin gescheitert war, sagte sie auf einem Symposium zum 85. Geburtstag der ZEIT-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff: "Wenn ich jung wäre, würde ich eine liberale Allianz gründen, bei der nicht sofort der Parteiencharakter deutlich würde, sondern vielmehr das Formulieren der Aufgaben, welche die FDP jetzt so sehr vernachlässigt."

Acht Jahre später verließ sie wegen antisemitischer Äußerungen des FDP-Politikers Jürgen Möllemann endgültig ihre Partei. Doch der Schlussstrich war kein Abschied aus der Politik. Bis zuletzt mischte sie sich ein und demonstrierte Haltung.

Am 7. Dezember starb Hildegard Hamm-Brücher, die liberale Ikone, im Alter von 95 Jahren.