"Ein Mann in Weiß saß auf dem Rücksitz"

Was auch immer die Leute am Papst auszusetzen haben, eines ist mir nie begegnet: Keiner hat je behauptet, Franziskus sei unglaubwürdig. Zwei Tage nach seiner Wahl war ich in meinem Stammlokal nahe dem Pantheon. Die Wirtsleute, waschechte Römer, und die Bedienungen aus Albanien, China, Italien kamen freudestrahlend auf mich zu: "Dieser Papst redet so, dass wir ihn verstehen. Er sagt, was er denkt. Er ist authentisch." Nachdem wir ihn nun besser kennengelernt haben, möchte ich hinzufügen: "Er tut, was er sagt."

Dies beeindruckt mich am stärksten: Er spricht aus, wovon er überzeugt ist, und lebt vor, was er predigt. So kann er mit großer Münze jene Währung ausgeben, die weltweit am meisten wert ist: Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit. Deshalb hat er auch keine Angst. Er weiß, wer er ist, was er symbolisiert und wie er dabei wirkt. Er sieht nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch die Grenzen seines Amtes. Der Pontifex maximus, auf den so viel Gutes und Schlechtes projiziert wird, kann sich schnell kompromittieren: Ehe ein neuer Amtsinhaber sich versieht, ist er schon in der Wolle Roms gefärbt (gewisse römische Verhaltensweisen halten sich seit den Tagen von Romulus und Remus). Das Amt kann einen Mann in liturgischen und anderen zeremoniellen Abläufen so aufsaugen, dass er den Blick fürs Wesentliche verliert.

Franziskus jedoch ist in fast vier Jahren auf dem Stuhl Petri derselbe geblieben, als der er nach seiner Wahl auf die Loggia des Petersdoms trat, mit dem familiären Gruß Buona sera. Er feiert die Liturgie ohne Pomp, es geht sofort und immer ums Wesentliche: Wie stehen wir vor Gott, und wie handelt er an uns?

Auch dieser Papst macht Fehler. Aber er gibt zu, dass er sündigt, und bittet immer wieder, man möge für ihn und seinen Dienst beten. Deshalb verehren die Leute ihn nicht nur, sie lieben ihn. Sie sind bereit, ihm Meinungen zu verzeihen, denen sie selber nicht zustimmen können. Denn sie sehen mit eigenen Augen, dass er glaubwürdig ist.

Letzte Woche wurde in Rom der Marienfeiertag begangen, zu dem der Papst jedes Jahr vor der Marienstatue auf der Piazza di Spagna betet und einen Kranz niederlegt. Ich war auf dem Corso Vittorio Emanuele unterwegs und wunderte mich. In den vergangenen Jahren war diese Hauptschlagader des römischen Innenstadtverkehrs für den Festtag immer abgesperrt, um dem Papstkonvoi Raum zu schaffen. Diesmal war alles wie an einem normalen Werktag: Autos parkten in der zweiten und dritten Reihe, Touristen sprangen wild über die Straße, motorini überholten links und rechts. Plötzlich hörte ich die Trillerpfeifen von Polizisten, die auf ihren Motorrädern heranbrausten, und mitten durch den normalen Wahnsinn des römischen Verkehrs bahnte sich ein dunkelblauer Ford Fiesta seinen Weg in Richtung Spanische Treppe.

Ein Mann in Weiß saß auf dem Rücksitz des unscheinbaren Autos. Wie man in Rom hört, haben in letzter Zeit auch Opel- und VW-Verkäufer neue Kunden unter den Kardinälen gewonnen.

Hans Zollner, 50, ist Vize-Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana und Mitglied der Kinderschutzkommission im Vatikan

"Wenn eine Umarmung dran ist, umarmt er"

Dieser Papst lässt sich berühren. Er umarmt frisch verheiratete Paare bei der Generalaudienz, Menschen mit Behinderung, Flüchtlinge, Obdachlose und Kranke. Diese Berührbarkeit ist etwas Neues im Papstamt. Und sie funktioniert auch in Kulturen, wo Umarmungen nicht zur Normalität gehören – wie wir beispielsweise bei der Papstreise nach Korea gesehen haben.

Woher kommt seine Berührbarkeit? Ganz einfach: Er mag Menschen. Jene Handvoll Menschen, die gerade um ihn herum sind, behandelt er wie die Wichtigsten auf dem ganzen Planeten. Und wenn eine Umarmung dran ist, dann umarmt er eben, ganz gleich, ob da Kameras sind oder der Wagen schon wartet.

In seinem Schreiben Evangelii gaudium hat er reflektiert, was Berühren bedeutet. Man müsse "die Mystik entdecken, die darin liegt, zusammen zu leben, uns unter die anderen zu mischen, einander zu begegnen, uns in den Armen zu halten, uns anzulehnen, teilzuhaben an dieser chaotischen Menge, die sich verwandeln kann in eine solidarische Karawane, eine heilige Wallfahrt". Hier liegt die tiefere Ursache für seine Nahbarkeit.

Das alte Wort "Mystik" ist religiös ziemlich aufgeladen, meist wird es im Zusammenhang mit längst verstorbenen Heiligen gebraucht. Doch der Papst zeigt, dass es mit unserem Alltag heute zu tun hat: Jene Gottesnähe, die wir unbeholfen als "mystisch" bezeichnen, ist mehr als ein stilles Sichversenken in Gedanken. Mystiker umarmen andere Menschen, sind anfassbar. Sie kommen zwar manchmal chaotisch daher – doch das ist ihre Art, nahe bei Gott zu sein und selber berührbar zu bleiben, wie Papst Franziskus.

Bernd Hagenkord, 48, leitet seit 2009 in Rom die deutschsprachige Abteilung von Radio Vatikan