Er will doch nur helfen – Seite 1

Patrick Dahlemann ist 28 Jahre alt – und schon SPD-Staatssekretär in Mecklenburg-Vorpommern. Weil er eine ganz eigene Strategie hat.

Generation Y

Sie duzen sich schon. Keine 24 Stunden nachdem Patrick Dahlemann Staatssekretär geworden ist, nachdem er also erstmals in seinem Leben Anspruch auf einen eigenen Fahrer hat – da hat er seiner neuen Chauffeurin bereits klargemacht, dass in diesem Auto künftig ein anderer Ton angeschlagen werde als in anderen Staatskarossen. Ein kumpelhafter. Denn Dahlemann, 28, duzt eben. Er duzt Mitarbeiter, vom Referenten bis zur Sekretärin; egal, ob sie doppelt so alt sind oder dreimal so erfahren. Das Duzen ist seine Methode, mit der er Probleme entschärft, die entstehen, wenn einer verdammt jung und trotzdem einflussreich ist. Dahlemann duzt Distanzen weg. Er könne nicht durch den Landtag laufen und sich von allen siezen lassen, sagt er. "Das funktioniert doch nicht."

Patrick Dahlemann: Das ist jener junge Politiker, der einst berühmt wurde, weil er es wagte, irgendwo in Vorpommern eine NPD-Bühne zu entern und am Mikrofon für Toleranz zu werben; das Video seines Auftritts wurde zum Internet-Hit. Sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel schätzt ihn seither als politisches Talent. Shootingstar, Strahlemann, Nachwuchshoffnung – das schrieben Journalisten. Und jetzt ist er auch noch die große Überraschung im neuen Kabinett des wiedergewählten Ministerpräsidenten Erwin Sellering in Mecklenburg-Vorpommern, als "Staatssekretär für Vorpommern" ist Dahlemann eine Art Sonderbeauftragter der Landesregierung für den ländlichen Raum. Dieses Amt hat es vorher nicht gegeben. Es ist eines, in dem er sich zu Höherem empfehlen kann. Dahlemann will diese Chance nutzen, unbedingt. Er will auffallen. Und er wird dafür eine Methode anwenden, die er aus dem Effeff beherrscht: eine Kombination aus gnadenloser Selbstvermarktung und kompromissloser Kümmerei. Erwin Sellering nennt ihn seinen "Kümmerer vor Ort". Denn was Dahlemann kann wie wenige andere, das ist: Probleme lösen – und sich dann auch ans Revers heften, dass er Probleme gelöst hat. "Dahlemann ist extrem effektiv, aber man darf ihn keinen Moment aus den Augen lassen", sagt ein Parteifreund. "Sonst nimmt er einem die Butter vom Brot."

Als Vorpommern-Staatssekretär soll Dahlemann im Grunde eine Art Ein-Mann-Eingreiftruppe der Landesregierung gegen die AfD sein. In Scharen stimmten die Vorpommern bei der vergangenen Landtagswahl für diese Partei. Nun dämmert der Regierung in Schwerin, dass man es mit dem Strukturabbau in den ländlichen Regionen vielleicht etwas übertrieben hat. "Die Menschen hier fühlen sich abgehängt", sagt Dahlemann. Den Nachsatz, den er nicht sagt: Aber jetzt bin ich ja da, Leute!

Schon den Umstand, dass Dahlemann überhaupt wieder im Landtag sitzt, dass seine politische Karriere nicht vor wenigen Wochen abrupt endete, ehe sie richtig beginnen konnte, hat er seiner Fähigkeit zur Selbstvermarktung zu verdanken. 2014 war er als Nachrücker ins Schweriner Parlament gerutscht. Nun, zur Landtagswahl im September 2016, drohte er sein Mandat wieder zu verlieren. Denn seine SPD hatte ihm einen sicheren Listenplatz versagt; zu verbissen-ambitioniert wirkte er auf manche Genossen. Seine einzige Chance: ein Direktmandat. In der Region Uecker-Randow, jenem entlegenen Winkel am Stettiner Haff, aus dem Dahlemann stammt, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Seit 1990 wählte man hier CDU.

Doch Dahlemann hatte einen Plan. Schon 2011 war er für die SPD in Uecker-Randow angetreten, eigentlich als Zählkandidat ohne große Siegchancen. Damals startete er, 23-jährig, einen kompromisslosen Personenwahlkampf. Niemand hängte mehr Plakate auf als Dahlemann, sein Konterfei prangte sogar auf Linienbussen, dafür nahm er Kredite auf, bei Freunden, bei der Partei, bei der Sparkasse. "Völlig ungeniert" sei er vorgegangen, erzählt einer aus dem Ortsverein: "Wir wussten überhaupt nicht, wie uns geschah." Am Ende scheiterte er ganz knapp. Nur weil Anfang 2014 gleich drei Sozialdemokraten ihre Mandate abgaben, rückte er doch noch als Abgeordneter nach. In seiner Heimatstadt Torgelow eröffnete er ein Bürgerbüro in einem leer stehenden Laden. Oft konnte man ihn Tag und Nacht hinter den Schaufenstern arbeiten sehen. Manche Fraktionskollegen sagen, er habe viel PR und wenig inhaltliche Arbeit geleistet. Sie verübeln ihm, dass er mehr Facebook-Fans gesammelt hat als der Regierungschef. Dass er im Internet prahlt, 1.753 Termine an 789 Tagen absolviert zu haben. Dahlemann sagt, er habe sich eben mehr um den Rückhalt beim Wähler gekümmert als um den in der Partei.

2016 verfeinerte er seine Wahlkampfstrategie von 2011: In nahezu jeden Haushalt flatterte ein Brief von ihm, in jedem Dorf mit anderem Text, gemünzt auf die örtlichen Themen. Viele namhafte SPD-Politiker, darunter Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Manuela Schwesig, lotste Dahlemann zu Wahlkampfterminen in seinen Wahlkreis. Manuela Schwesig erzählt gerne, wie sie einmal auch andere SPD-Kabinettskollegen überreden wollte, zur Unterstützung von Dahlemann nach Vorpommern zu reisen: "Aber da zückten alle ihre Kalender", erinnert sie sich, "und sagten: Bei dem haben wir längst einen Termin."

SPD-Shootingstar gewinnt Direktmandat in CDU-Domäne, meldete Bild am 5. September 2016. Die drei anderen Wahlkreise in der Region fielen jetzt sämtlich an die AfD.

Eine SPD-Vita reinster Provenienz

Dahlemann ist gar nicht nur der Hochglanzpolitiker, als der er sich mitunter gibt. Eigentlich ist er der "Pätrick", so spricht er selbst seinen Vornamen aus. Man hört ihm beim Reden seine vorpommersche Herkunft an. Nach dem Abi hat Dahlemann Politikwissenschaft studiert, bis heute ohne Abschluss. Er brauchte den auch gar nicht, um in seiner Familie Aufsteiger zu sein: Sein Vater ist Forstarbeiter, seine Mutter Sekretärin. "Wir hatten immer sehr wenig Geld", sagt er. Das habe ihn geprägt. Sein "Papa" habe kürzlich die erste Gehaltserhöhung seit 20 Jahren bekommen. Seitdem verdient er: 8,50 Euro pro Stunde, Mindestlohn.

Eine SPD-Vita reinster Provenienz. Andererseits trifft man ihn, Dahlemann, immer mit feinem Hemd und gutem Anzug. Er finde eben, dass ein Politiker gut angezogen sein müsse. "Das ist eine Frage des Respekts. Und ein Zeichen, dass man es ernst meint", sagt Dahlemann.

Was heißt das für ihn, Kümmerer zu sein? "Ich schicke niemanden weg", sagt Dahlemann. "Ich sage nie den Satz: ›Dafür bin ich nicht zuständig.‹ Denn unser politisches System ist so kompliziert, dass da nicht jeder durchsteigt. Ein Politiker muss es leisten können, jedem Menschen den richtigen Ansprechpartner zu vermitteln."

Das darf er nun auch als Staatssekretär tun. Er wolle dafür sorgen, sagt Dahlemann, "dass die Grundversorgung in der Region nicht hinter den Standard zurückfällt, den die Menschen gewohnt sind". Was er dazu beitragen kann? Das fragen sich viele angesichts seines sparsam ausgestatteten Amtes, das nicht in Schwerin eingerichtet wird, sondern in Anklam. Und das aus wenig mehr besteht als aus Büro, Fahrerin, Sekretärin, Referenten, einem Titel und einem Stuhl am Kabinettstisch. Aber das sieht Dahlemann entspannt. Weil er weiß, dass er in seinem Alter, ohne Berufserfahrung, keine Behörde leiten könnte. Doch als Ein-Mann-PR-Kommando für Vorpommern könnte er genau der Richtige sein.

Schließlich kam selbst sein bislang größter PR-Erfolg nicht zufällig. Es war im Jahr 2013: Bei einer NPD-Demo in Torgelow entdeckte der NPD-Redner Dahlemann, damals Mitglied des Stadtrats, unter den Gegendemonstranten. Und rief: Kommen Sie her, und erklären Sie uns Ihre Politik. Dahlemann erkannte das als Chance. Er kam, stand plötzlich am Mikro auf der NPD-Bühne und verteidigte fünf Minuten lang die repräsentative Demokratie. Es gibt einen Videomitschnitt der Rede. Dahlemann bastelte eine Fassung mit persönlich eingesprochenem Vorwort und arbeitete anschließend zwei Monate daran, sein Werk zum Internet-Hit zu machen. Im Januar 2014 dann saß Dahlemann im Studio von Markus Lanz. Wenige Wochen danach rutschte er, zufällig, in den Landtag nach.

Als Dahlemann später sein Wahlkreisbüro eröffnete, haben ihm Neonazis direkt die Scheiben eingeworfen. Dahlemann rief erst die Polizei. Und gleich danach die Pressefotografen. Die Fotos zeigten ihn mit verschränkten Armen vor den gesplitterten Scheiben. Natürlich habe er den Vorfall damals politisch für seine Zwecke genutzt, sagt er heute: "Reparatur und Reinigung haben mich schließlich viel Geld gekostet." Eigentlich ganz logisch.