Am Ende eines patriotischen Tages, an dem oft von der Seele des Volkes die Rede war, klettert der Minister für Nationale Verteidigung auf einen Turm, verharrt oben einen kurzen Moment, konzentriert sich, geht ein paar Schritte nach vorn, verharrt erneut und stürzt sich in die Tiefe. In der Luft dreht er sich vorwärts, schlägt einen makellosen Salto, streckt den Körper kerzengerade und taucht ins Wasser.

Es war ein akrobatischer Sprung, den er da aufnehmen ließ. Als er das Video auf seinem abgegriffenen Smartphone im Büro abspielt, sagt er mit mühsam unterdrückter Bewunderung: "Das da, das bin ich."

Antoni Macierewicz, der polnische Verteidigungsminister, sucht sich im Schwimmbad den höchsten Sprungturm aus. Meist ist es schon 22 Uhr, wenn er auf dem Sportgelände der Militärpolizei in Warschau erscheint, und meist ist er in der Schwimmhalle dann allein. In seiner marineblauen Badehose steigt er die Stufen des Zehnmeterturms empor. Sein Körper ist noch immer drahtig, obwohl er schon 68 Jahre alt ist und obwohl er tagsüber viel sitzen muss, an Schreibtischen, an Konferenztischen. Früher – im kommunistischen Polen – verbrachte er viel Zeit in Internierungslagern und Gefängnissen. Er kämpfte für die Freiheit des Landes, und seine Feinde waren die gottlosen Kommunisten.

Am Ende hat Antoni Macierewicz gesiegt. Das komfortable Sitzen auf gepolsterten Stühlen ist die Belohnung für die Jahre im Knast.

Antoni Macierewicz war ein enger Verbündeter des Solidarność-Helden Lech Wałęsa, später aber dessen Gegner und noch später Chef der polnischen Spionageabwehr. Wenn er etwas gelernt hat, dann, wie man den Feind im vermeintlichen Freund erkennt. "Man muss Geduld haben", sagt er über sein Leben in der Politik, "man muss warten können: ein Jahr, zwei Jahre, manchmal zehn oder zwanzig Jahre."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Auf einem Gemälde hinter ihm an der Bürowand attackiert die Habsburger-Armee im Jahr 1588 die polnischen Truppen. Macierewicz lehnt sich in seinem Ledersessel zurück. Noch nie hat der Minister einen deutschen Journalisten zum Gespräch empfangen, was auch daran liegt, dass er die Deutschen argwöhnisch beobachtet, und die Deutschen ihn. In diesem Mann bündelt sich alles, was Polens Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) so verdächtig macht: der Glaube an einen autoritären Staat, die Militarisierung des Denkens, die politische Macht der katholischen Kirche, das Misstrauen gegen die Europäische Union – die Herrschaft der Gefühle.

Das bestimmende Gefühl lautet: Dieser Staat gehört jetzt uns, den Patrioten, und er wird ein anderer sein, wenn wir mit ihm fertig sind.

Polen ist an einem Punkt angekommen, den die Rechtspopulisten in anderen Ländern noch erreichen wollen: dem Aushöhlen der Demokratie mit den Mitteln der Regierungsgewalt. In den USA wird noch darüber spekuliert, welche von Donald Trumps drastischen Ankündigungen ernst gemeint sein könnten. In Polen hat die Zeit der Taten die Zeit der Worte abgelöst, und die Taten sind keineswegs harmloser als die Worte. Es wäre eine beruhigende Nachricht, wenn man wüsste, dass der autoritäre Geist sich erschöpft, sobald er zu herrschen beginnt. Aber danach sieht es nicht aus.

Der polnische Minister für Verteidigung steht an der Spitze einer Bewegung, die mit großem Ehrgeiz den Plan verfolgt, überall in Polen paramilitärische Gruppen aufzubauen. 10.000 Freiwillige haben sich schon gemeldet, weil sie der sogenannten territorialen Verteidigung beitreten wollen. 35.000 bis 50.000 Menschen sollen es bis zum Jahr 2019 werden, von der Regierung bezahlt und mit Schusswaffen ausgerüstet, dem Minister für Nationale Verteidigung unterstellt. Rund 3,6 Milliarden Złoty, etwa 800 Millionen Euro, will die Regierung dafür ausgeben. Sie könnte auch die polnische Armee, die rund 100.000 Soldaten umfasst, vergrößern, aber das wäre teurer und langwieriger. "Wir können nicht jedes Dorf, nicht einmal jede Stadt mit unseren Operationseinheiten schützen", meint der Minister.

Die ersten drei Brigaden bewaffneter Einwohner werden im Januar im Osten des Landes entstehen. An Wochenenden üben sie schon. "Wir in Polen sind ein Land, das gefährdet ist", sagt der Minister. "Es ist möglich, dass ein Angriff vom Osten kommt, von Russland. Der beste und günstigste Weg, sich zu wappnen, ist eine territoriale Verteidigung."

500 Złoty pro Monat sollen die nebenberuflichen Kämpfer bekommen, etwa 110 Euro, später auch kräftige Zulagen bei der Rente. 500 Złoty – das ist die Summe, die eine Familie in Polen vom zweiten Kind an erhält. Die neuen Verbände der Freiwilligen, sagt der Minister, "müssen immer bereit sein oder in permanenter Bereitschaft stehen, sodass sie auf Befehl handeln, gleichgültig, ob es Tag oder Nacht ist. Sie werden dieselben Pflichten haben wie die regulären Soldaten, sie werden der fünfte Arm der polnischen Streitkräfte sein." Neben Heer, Marine, Luftwaffe und Spezialkräften.

Und womit werden die Freiwilligen bewaffnet?

"Zum Beispiel mit manuellen Raketengewehren. Es geht auch um Aufklärungsdrohnen, auch um Kampfdrohnen. Und um persönliche Schusswaffen, die jeder Soldat mit sich führt. Wir wollen in jeder Einheit eine Cyber-Einheit haben."