Was also tun? "Wir sind weltoffen, aber nicht naiv", sagte Matthias Machnig, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, der ZEIT, und dass man künftig andere Reaktionsmöglichkeiten brauche. Im Wirtschaftsministerium diskutiert man daher eine mehrgleisige Strategie: Trotz alledem weiter an Handelsverträgen arbeiten, um andere Märkte offen zu halten – nach dem Modell des europäisch-kanadischen Abkommens Ceta. Zugleich als Rückversicherung europäische Anti-Dumping-Mittel schaffen. Und obendrein bessere Regeln zum Schutz der deutschen Unternehmen schreiben. Und damit zur Sicherung der Arbeitsplätze.

Man will im Wirtschaftsministerium beispielsweise nicht weiter untätig zusehen, wie die chinesische Regierung ausländische Investoren in Joint Ventures zwingt, zugleich aber ihre Unternehmen stützt, wenn die in Deutschland Mittelständler kaufen, die Schlüsseltechnologien besitzen. Also soll das Außenwirtschaftsrecht reformiert werden. Die Übernahme von strategisch wichtigen Unternehmen wie dem Chiphersteller Aixtron durch ausländische Investoren soll dann ähnlich wie in den USA strenger geprüft werden können. Die Übernahme von Aixtron durch Chinesen war vor wenigen Tagen nur wegen des Einspruchs der US-Regierung gescheitert. Der Fall hat in Berlin für Wirbel gesorgt. Und so steht die Novellierung des Außenwirtschaftsgesetzes, die bisher an der CDU gescheitert war, wieder auf der Tagesordnung. Denn auch im Kanzleramt ist die Sympathie dafür gewachsen. Nun soll ein Gutachten die Vereinbarkeit neuer Regeln mit EU-Recht sicherstellen.

In Brüssel wiederum kämpft die Bundesregierung dafür, dass bald sogenannte Trade Defence Instruments verabschiedet werden. Mit denen kann die EU-Kommission dann gegen unfaire Exportpraktiken anderer Länder vorgehen. Am vergangenen Dienstag erzielte Berlin einen Etappensieg: Der Rat stimmt den Plänen zu. Nun müssen sich Rat, Kommission und Parlament noch einigen. Danach wird es für die EU-Kommission leichter werden, anderen Ländern Dumping nachzuweisen und mit Strafzöllen dagegen vorzugehen.

Auch in diesem Fall macht den Europäern China derzeit die größten Sorgen: Denn eigentlich hätte China am vergangenen Sonntag von der WTO den begehrten Status als Marktwirtschaft bekommen müssen – so war es beim Beitritt vor 15 Jahren vereinbart worden. Noch blockiert die EU das aber. Denn der Status würde es China viel leichter machen, in die Märkte anderer WTO-Mitglieder zu exportieren. Für die EU würde es ohne die neuen Abwehrmechanismen zugleich viel schwieriger, Importe zu stoppen, die mit Dumpingpreisen auf den Markt kommen.

Doch ist es wohl nur eine Frage der Zeit, wann China den begehrten Status bekommt. Bis dahin, so hofft Berlin, ist das europäische Handelsrecht dann aber modernisiert.

In der Vergangenheit war das an den unterschiedlichen Interessen in den Mitgliedsstaaten gescheitert. Auch das zeigt sich wieder exemplarisch am Streit um den Stahl: In den Ländern, die keine Produzenten mehr haben, freut man sich über billige Importe, egal woher. Es interessiert nicht, wie ein niedriger Preis möglich wird. Dort, wo es noch Hersteller gibt, wie in Deutschland und Italien, demonstrieren hingegen Stahlarbeiter gegen die Dumpingpreise. Bei anderen wiederum ist die Angst groß, dass die EU-Kommission neue Abwehrregeln zu oft nutzen könnte – zugunsten der traditionell eher protektionistischen Südeuropäer, die ihre Wirtschaft gern, für deutschen Geschmack oft zu schnell, vor ausländischer Konkurrenz schützen wollen.

Deutschland aber steckt noch in einem speziellen Dilemma: Hier gibt es eine starke Industrie und damit ein Interesse am Schutz vor unfairen Praktiken. Zugleich aber ist kein anderes EU-Mitglied so abhängig vom Export und damit so sehr an weltweit offenen Märkten interessiert.

Beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) kennt man das Dilemma gut. Deswegen plädiert man dort jetzt auch für eine Doppelstrategie: Europa sollte trotz aller Schwierigkeiten unbedingt weiter versuchen, Handelsabkommen mit anderen Nationen zu schließen – um weiter Märkte zu öffnen. Zugleich aber sollte die Bundesregierung langfristig die deutschen Industrieunternehmen fördern, die von der Binnenkonjunktur leben und weniger vom Export. So würde man weniger abhängig von Märkten werden, von denen keiner so genau weiß, wie deren Regeln morgen aussehen. Wenn es denn überhaupt noch welche gibt.