Die Regeln waren klar. Journalisten dürfen unter zwei Bedingungen an der Trauerfeier teilnehmen: Erstens, sie sprechen die Angehörigen nicht an, und zweitens, sie bleiben hinter den Absperrungen, die extra für sie errichtet worden sind. "Alle haben sich daran gehalten", sagt Mirco Metger. "Bis auf einen. Als ich mich nach der Trauerfeier von der Polizistin verabschiedete, die mich begleitet hatte und zu meinem Auto ging, hörte ich plötzlich jemanden rufen: "Hey, Mirco!" Ich hatte den Mann noch nie gesehen."

Es war Blick -Reporter Ralph Donghi.

Seit 14 Jahren arbeitet er für das Boulevardblatt. Der 43-Jährige ist oft als Erster vor Ort, wenn im Schweizer Mittelland ein Unglück, ein Verbrechen geschieht. Er schrieb über die Todesraser von Schönenwerd, die Schenkkreis-Morde von Grenchen, den "Grosi-Killer" aus dem Aargau und nun, vor bald einem Jahr, über den Fall Rupperswil.

Am 21. Dezember 2015 ermordete Thomas N. in einem Doppeleinfamilienhaus in der Aargauer Gemeinde vier Menschen: Carla Schauer, ihre beiden Söhne sowie die Freundin des älteren Sohns.

Der Vater von Mirco Metger war der Partner von Carla Schauer, ihre Söhne waren für den 20-Jährigen so etwas wie seine Stiefbrüder.

Vor der Kirche in Rupperswil also steckt Ralph Donghi dem trauernden jungen Mann seine Visitenkarte zu. "Ich habe sie zerrissen und ihm gesagt, dass ich nicht mit ihm reden wolle", sagt Metger. Es ist das, was er jedem Journalisten und jeder Journalistin sagte, die ihn seit der Tat kontaktiert hatten. Ebenso lehnte er die 100 Freundschaftsanfragen auf Facebook ab, die an ihn herangetragen wurden – darunter waren auch solche von Journalisten.

Nun sitzt Mirco Metger in einem Restaurant in Zürich. Er wählt seine Worte mit Bedacht und stellt noch einmal klar, was er bereits in seiner Mail an die ZEIT geschrieben hat, nachdem ein Mittelsmann den Kontakt hergestellt hatte. Dass er nur über seine Erfahrung mit den Boulevard-Journalisten sprechen werde, aber nicht über seine Gefühle, nicht über den Fall, nicht über den Täter, nicht über die Opfer.

Als Mirco Metger am Tag nach der Beerdigung den Blick in die Hände bekam, traute er seinen Augen nicht. Da stand unter dem Titel Wonach suchte die Polizei vor der Kirche?, dass in Deutschland ein Täter noch während der Trauerfeier verhaftet worden sei. "Dazu kam es gestern nicht", las Metger weiter. "Aber ein junger Mann fiel auch beim Abschied in Rupperswil auf: M. M. (19), der Sohn des Freundes von Opfer Carla Schauer. Er zeigte sich locker, lachte oft. Obwohl vier Menschen sterben mussten, die er wohl alle gekannt hatte. Zudem wurde M. M. die ganze Zeit diskret von zivilen Fahndern begleitet, auch in der Kirche. Polizeischutz? Oder wurde er observiert? Als Blick M. M. nach der Trauerfeier ansprach, wollte er nichts sagen."

Es ist ein alter, hinterhältiger Journalisten-Trick: Entweder du redest mit mir, oder ich schreibe über dich. Und zwar irgendetwas.

"Egal, was du tust, du verliert", sagt Metger. Das musste er ein paar Monate später gleich nochmals erfahren.

Ralph Donghis Journalistenschule war das Eishockeyspielen

Es ist der 16. Mai 2016. Mirco Metger ist noch im Pyjama, als es an der Tür klingelt. "Ich schaute aus dem Fenster. Da stand er."

Ralph Donghi schon wieder.