Das letzte Foto: Alijew liegt schräg wie ein großes L auf dem gekachelten Boden der Zelle 5. Rücken an der Wand, die Beine kerzengerade nach vorne gesteckt, die Hände zu Klauen verkrallt. Den Kopf sieht man nicht, er wird von der Toilette verdeckt. Auf etwa anderthalb Meter Höhe baumelt der Rest einer Aufhängung am Haken. An dieser zum Seil umfunktionierten Mullbinde hatte der 52-jährige Rachat Alijew, der ehemalige Schwiegersohn des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew, gehangen, bis ein Mitarbeiter der Wiener Justizanstalt Josefstadt sie durchschnitt. Der leblose Körper fiel hinters Klo. Februar 2015, das Ende eines Mannes, der seit Jahren in Österreich Schlagzeilen gemacht hatte. Offenbar ein bedauernswerter Suizid im Gefängnis.

Der herbeigerufene Rechtsmediziner der Uni-Klinik Wien, Professor Daniele Risser, legt sich nach der Leichenöffnung schnell fest. Er habe "keine Einwirkungen äußerer Gewalt" feststellen können, heißt es im Obduktionsbericht der Tatortgruppe 4 des Landeskriminalamts Wien. Risser diagnostiziert "Tod durch Erhängen". Zum selben Ergebnis kommt neun Tage darauf der – auf Bitten von Alijews Witwe hinzugezogene – Rechtsmediziner Professor Roland Hausmann aus dem schweizerischen St. Gallen und später noch ein dritter Sachverständiger. Doch jetzt, knapp zwei Jahre danach, scheint sich die an Wendungen nicht arme Geschichte des toten Rachat Alijew ein weiteres Mal zu drehen. Plötzlich sieht es nämlich danach aus, als habe es in Zelle 5 der Krankenstation einen Mord gegeben. Das wäre einer der größten Justizskandale der österreichischen Geschichte.

Alijew hatte in Kasachstan den Ruf des brutalen Machers und des Sadisten

Klaus Ainedter und Otto Dietrich, zwei von Alijews Anwälten, hatten im Sommer ein weiteres Gutachten bei dem berühmten deutschen Rechtsmediziner Bernd Brinkmann, dem langjährigen Chef des Gerichtsmedizinischen Instituts Münster, in Auftrag gegeben. Dieser kommt nun zu dem Schluss: "Es handelt sich um eine Tötung durch fremde Hand."

Wer erahnen will, welchen Sprengstoff dieser Befund birgt, muss zunächst verstehen, wer der Tote war: Rachat Alijew war ein sehr mächtiger Mann in Kasachstan, dieser ehemaligen Sowjetrepublik, in der nach dem Zerfall des Kommunismus die nationale Elite unendlich reich wurde. Das Land verfügt über gewaltige Gas- und Ölvorkommen, über Eisen, Erz, Uran, dazu die begehrten sogenannten seltenen Erden, jenen unverzichtbaren Rohstoff der weltweiten Elektronikindustrie. Alijew gehörte zu dieser Elite, sein Vermögen wurde kurz vor seinem Tod auf mehrere Hundert Millionen Euro geschätzt.

Zunächst war er in Kasachstan Chef der Steuerfahndung, später Vize-Geheimdienstchef, Vize-Außenminister. Und nicht zu vergessen: Er war der Schwiegersohn des Präsidenten und Diktators Nursultan Nasarbajew höchstpersönlich. 1983 bereits, da war er gerade 20 Jahre alt, hatte er die Diktatorentochter Dariga geheiratet, das Ehepaar bekam drei Kinder. Alijew hatte damals den Ruf des brutalen Machers und des Sadisten. Ihm wurde vorgeworfen, selbst Menschen gefoltert zu haben – und er soll verwickelt gewesen sein in die brutalen Foltermorde an zwei kasachischen Bankiers, deren Leichen man vier Jahre nach ihrem Verschwinden in Ölfässern fand. Wegen dieses Verdachts saß er in der Wiener Justizvollzugsanstalt Josefstadt, die dann zu seinem Grab wurde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Alijew: Nasarbajews Mann fürs Grobe. Doch dann kam es zum Bruch mit dem Diktator, dem der Schwiegersohn irgendwann wohl zu eigenmächtig wurde. Alijew soll Pläne zum Sturz des Schwiegervaters vorbereitet haben. Zunächst schickte der Diktator das ehemalige Familienmitglied – die Ehe mit der Tochter war mittlerweile auch gescheitert – ins Exil nach Wien. Als Botschafter. Doch der Konflikt blieb, er spitzte sich sogar weiter zu. Alijew nämlich betrieb hier im großen Stil seine Geschäfte, verdiente mit einer Bank, allerhand Medienbeteiligungen, vor allem aber mit einem Zucker-Imperium einen Haufen Geld. Das war die eine Seite seiner Existenz. Laut dem Wiener Stadtmagazin Falter nutzte er für seine Geschäfte auch die Dienste der durch die Panama Papers berüchtigten Kanzlei Mossack Fonseca. Behörden vermuten, dass allein durch die Zucker-Deals an die 300 Millionen Dollar in Offshore-Gesellschaften gebunkert wurden. Nach und nach wurde Alijew auch einer der wichtigsten Investoren in der österreichischen Hauptstadt.

Vor allem aber griff Alijew seinen ehemaligen Schwiegervater Nasarbajew nun öffentlich an, als korrupten Despoten. Das war gefährlich, denn als Insider wusste er, wovon er sprach – von den gekauften westlichen Großpolitikern, von Kasachstans weltweiten eigenartigen Wirtschaftsverbindungen, unter anderem mit der Stiftung von Bill Clinton. Alijew schrieb zwei Enthüllungsbücher ("Tatort Österreich") und schilderte dabei ausführlich auch eigene Kontakte zu österreichischen Wirtschaftsführern und Spitzenpolitikern. Präsident Nasarbajew revanchierte sich: Er legte dem Ex-Schwiegersohn den Mord an den Bankern zur Last, begangen hinter dem Rücken des Herrschers.

Und das war das zweite Leben von Rachat Alijew: seine öffentlich ausgetragene Schlacht gegen Nursultan Nasarbajew, der Kampf des kleinen gegen den großen Despoten. Doch je öfter Alijew mit immer neuen Enthüllungen aufwartete, desto länger wurde die Liste seiner Feinde, auch in Österreich. Es war November 2013, als die ZEIT mit Alijew ein Telefonat führte. Er wollte damals nicht sagen, wo er sich gerade aufhielt, wahrscheinlich in Malta, einem neuen Exil. Er sagte, er habe Angst, um sich, um seine neue Familie – er hatte ein zweites Mal geheiratet. Der kasachische Geheimdienst sei hinter ihm her, er fürchte Mordanschläge oder eine Entführung nach Kasachstan. Nasarbajew wolle ihn mit allen Mitteln zum Schweigen bringen. Und Alijew wies im Gespräch alle Vorwürfe zurück. Er habe weder gemordet noch gefoltert, beschwor er in holprigem Englisch: Hätte er im Innern des Machtzirkels von Nasarbajew ausgeharrt, hätte es diese Vorwürfe nie gegeben. "Das ist alles rein politisch", sagte er. Das mochte stimmen, bedeutet aber keinesfalls, dass die schrecklichen Taten nicht passiert sind. Am Schluss des Telefonats betonte Alijew, er selbst sei ein Opfer: "Bitte, verstehen Sie das!"

Der Rechtsmediziner Bernd Brinkmann steht im Dezember 2016 in seinem Büro am Rande von Münster und trägt eine verknotete Mullbinde um den Hals. Er hat sich mit dem Rücken zur Wand aufgestellt und müht sich, das eine Ende der Binde in seinem Rücken durch eine Öse zu führen und sich selbst an einen Kleiderhaken zu hängen. Es gelingt nicht. Der Professor will demonstrieren, wie kompliziert das Vorhaben ist, das Alijew angeblich vollbracht haben soll – noch dazu in einem emotionalen Ausnahmezustand. "Ein Suizid durch Erhängen ist in diesem Fall ausgeschlossen", ist sich Brinkmann sicher. Und das liege nicht nur an der physikalischen Beinahe-Unmöglichkeit, sich mit einer derart verknoteten, kurzen Mullbinde an einen Kleiderhaken zu hängen. Es liege auch an der De-facto-Unmöglichkeit, von der die Spuren an Alijews Körper künden.