Bei der Vereidigung des rot-rot-grünen Senats in Berlin traute sich nur Ramona Pop von den Grünen, den Schwur mit "so wahr mir Gott helfe" zu bekräftigen. Die anderen neun brachten die Formel nicht über die Lippen. Den alten Herrn mit dem wallenden Bart, wie er in der christlichen Vorstellung lebt, musste man sich als Bürgen auf der Besuchertribüne dazudenken.

In den 190 Seiten des Koalitionsvertrages kriegt der liebe Gott nicht mal eine Fußnote. "Christlich" und "Christentum" findet der Leser auch nicht: Das Wörtchen "Kirche" taucht einmal auf, aber nur als Baumaßnahme für die Matthäus-Kirche. Die Juden, die Begründer des monotheistischen Start-ups, kommen mit zweimal "jüdisch" etwas besser weg. Dagegen findet die Suchfunktion zehnmal "Islam" oder "Muslim". Die LSBTTIQ* (Lesben, Schwule ...) hält als weltliche Gemeinschaft mit 27 Einträgen die Spitze.

Der alte Herr, der recht aufbrausend sein kann, wäre perplex. Er weiß sehr wohl, dass er den Missbrauch seines Namens im zweiten Gebot unter Strafe gestellt hatte. Aber die christliche Eidesformel muss ihm gefallen haben; jedenfalls hat er nie einen Blitz niederfahren lassen, wenn Kaiser und Könige, Bürger und Zeugen ihre Schwüre mit der ultimativen Bekräftigung krönten.

Der Herr der Heerscharen muss sich jedoch "ausgegrenzt", ja "herabgewürdigt" fühlen, wie man heute sagt. "Was habe ich nicht alles für die getan?", wird er in den Bart murmeln. "Ohne mich gäbe es nach Athen und Rom nichts, was den Westen seitdem ausmacht: die Kathedralen, die Kirchenschulen, die zu großen Universitäten heranwuchsen, die Musik von Bach, Mozart, Brahms, die noch heute erschauern lässt, die Literatur von Dante, Dostojewski, Joyce und Mann, die Gemälde von Giotto bis Rubens, die Trennung von Kirche und Staat, das Fundament der liberalen Demokratie." Seufzend: "Etwas mehr Respekt hätte ich schon verdient."

In Jerusalem hätte sich zuvor sein eingeborener Sohn ebenfalls gegrämt. Denn er sah, wie die Oberhäupter der deutschen Protestanten und Katholiken auf dem Tempelberg ihre Amtskreuze ablegten – auf Geheiß der muslimischen Autoritäten. Jesus: "Dort habe ich gebetet und gelehrt. Na gut, Tempi passati. Aber was soll ich von Oberhirten halten, die mich verleugnen wie weiland Petrus?"

Das Kreuz, würde er den beiden Prälaten sagen, symbolisiere nicht Inbesitznahme, sondern Affirmation. Der Heutige fügt hinzu: Den eigenen Glauben zu verstecken ist keine Geste des Respekts, sondern der fehlenden Selbstachtung. Ökumene ist gut, aber bitte – neudeutsch – "auf Augenhöhe". Das Kreuz ist nun mal das zentrale Symbol des Christentums, kein Verhandlungs-, geschweige denn Verzichtsobjekt. Touristen dürfen es beim Besuch einer Moschee verstecken; das ist Privatsache. Doch die Repräsentanten von 2,2 Milliarden Christen? Besser, die Herren Bedford-Strohm und Marx hätten den Tempelberg ausgespart.

Wie man es richtig macht, zeigte gerade Verteidigungsministerin von der Leyen bei ihrem Besuch in Saudi-Arabien: kein Kopftuch, keine Abaja – auch nicht für die Damen aus dem Tross. Und die ultrafrommen Saudis nahmen’s hin – so, wie hiesige Gastgeber die wallenden Gewänder der Potentaten hinnehmen, wenn sie Kanzleramt oder Weißes Haus besuchen, die Kathedralen der westlichen Demokratie.