Frage: Herr Harris, Sie beschäftigen sich in Ihren Romanen vorzugsweise mit dem Thema Macht – der weltlichen wie der geistlichen. Warum?

Robert Harris: Ich schreibe über das Verhältnis zwischen der Macht und den Menschen, die sie anstreben. Wer ehrgeizig ist, wer die Macht will und sich an ihr zu halten sucht, der muss Kompromisse machen. Er verändert sich und wird dabei fast unausweichlich von der Macht zerstört. Dieser Prozess reizt mich einfach, er ist das Interesse meines Lebens. Klingt seltsam, aber so ist es eben.

Frage: Handelt es sich immer um einen Zerfallsprozess?

Harris: Macht ist wie ein radioaktives chemisches Element. Je länger man ihm ausgesetzt ist, desto gefährlicher wird es.

Frage: Kann man sich schützen?

Harris: Viele denken, sie könnten das, indem sie sich sagen, sie arbeiten ja für einen guten Zweck, für eine Art übergeordnetes Ideal.

Frage: Klappt nicht?

Harris: Wer glaubt, er arbeite nicht für den eigenen Ehrgeiz, sondern für ein hehres Ziel, der ist eigentlich noch zu viel mehr fähig – er hat stets eine Entschuldigung für sein Verhalten: das höhere Wohl.

Frage: Ihr aktueller Roman Konklave dreht sich um eine Papstwahl. Dieses Amt klingt genau nach so einem Job, in dem man das eigene Verhalten eigentlich immer durch einen höheren Zweck rechtfertigen kann.

Harris: Über das Papsttum darf man sich keine Illusionen machen. Der Papst ist ein absoluter Monarch. Er besitzt die komplette Macht über die Kirche und muss sich keiner Kontrolle beim Regieren unterziehen.

Frage: Dazu hat er auch noch das Plazet von ganz oben. Hört sich das nicht nach zu viel radioaktiver Macht an?

Harris: Auch die katholische Kirche kann sich weltlichen Prozessen nicht entziehen. Die Kardinäle schmieden vor dem Konklave politische Allianzen. Im Fall des späteren Konzilspapstes Johannes XXIII. gab es Diskussionen, die gingen in etwa so: "Ah, Eminenz, wäre doch gut, wir hätten nach dem Konklave bald mal ein neues Konzil, finden Sie nicht auch?" Oder man spricht sich ab, wer Kardinalstaatssekretär werden soll. Das geschieht alles sicher nicht in einer offen mafiösen Art und Weise, aber es geschieht. Und dafür gibt es kein anderes Wort als "Politik".

Frage: Darf man als Kardinal in diesem Prozess offen nach der Macht greifen?

Harris: Ich habe mit einem Konklave-Teilnehmer gesprochen. Dieser Kardinal gab mir eine ausgezeichnete Zeile mit: Obwohl jeder Kardinal sagt, er wolle das Papstamt nicht, besteht ja immer die Möglichkeit, dass er es doch bekommt. Deshalb gehen alle Kardinäle mit einem Namen im Kopf in die Sixtinische Kapelle, mit ihrem potenziellen Papstnamen. Das mag ich, diese Ambivalenz. Papst ist ein Job, den niemand machen will, der irgend bei Sinnen ist, aber gleichzeitig: Was für ein Amt!

Frage: In letzter Zeit kommt es einem so vor, als würden nicht nur Amtsträger selber von der Macht korrumpiert. Wenn Macht radioaktiv ist, kann sie dann auch die andere Seite, die Wähler, verstrahlen und sie zu leichtsinnigen Entscheidungen oder in die Arme von Populisten treiben?

Harris: Vorsicht. Man darf die Wahl in den USA nicht mit dem Brexit-Referendum in einen Topf werfen. Ja, beide wurden in gewisser Weise von einer Entfremdung befeuert. Es scheinen sich in beiden Fällen die Arbeiterschichten von ihren angestammten linken Parteien weg- und zu den vermeintlich rechteren hinbewegt zu haben. Darin ähneln sich beide Ereignisse. Der Unterschied ist: In den USA sind die Dinge jetzt klar rechtlich geregelt, Trump wird schlicht Präsident. In Großbritannien ist noch nichts geregelt.

Frage: Neulich haben Sie getweetet, die politische Situation in den USA so kurz nach der Wahl würde Sie an das alte Rom erinnern.

Harris: Nein. An das Römische Kaiserreich.

Frage: An die dekadente Phase?

Harris: Nicht an die Republik jedenfalls.

Frage: Im Kaiserreich wurde die althergebrachte Gewaltenteilung aufgegeben.

Harris: Die Römer der Republik wussten, dass Macht radioaktiv ist. Deshalb dividierten sie die Gewalten: Es gab zwei Konsuln, die Magistrate und die Volkstribunen. Gesetze mussten durch die Volksversammlungen hindurch, wurden aber vom Senat implementiert. Auf diese Art war die Macht geteilt und Minderheiten wurden geschützt. Die amerikanische Republik ist nach diesem System modelliert. Im alten Rom gingen die Dinge zum ersten Mal richtig schief, als die Macht auf einen populistischen Demagogen übertragen wurde, der den Mob aufhetzte. Plebiszite sind immer das Werkzeug der Diktatoren.

Frage: Volksabstimmungen?