Es ist der 21. Dezember 2015. Drei Minuten braucht die freiwillige Feuerwehr vom Magazin bis zum Doppel-Einfamilienhaus am Ende des Dorfs. Als der achtköpfige Atemschutztrupp in das brennende Haus eindringt, finden sie vier verbrannte Leichen: eine 48-jährige Frau, ihre beiden Söhne, der eine 13, der andere 19, und dessen 21-jährige Freundin. Gefesselt, geknebelt, mit durchschnittener Kehle.

Der Vierfachmord von Rupperswil sorgt wochen-, ja monatelang für Schlagzeilen. Die Täterschaft bleibt im Dunkeln. "War es ein Ritualmord?", fragt der Blick (siehe Artikel Sprich mit mir, dann lass ich dich in Ruhe). Steckt dahinter ein Schenkkreis, wie schon einmal bei einem Mordfall in der Region? Oder da sind diese Fahndungsplakate, verfasst auf Albanisch; das wird wohl kein Zufall sein, denken viele. So auch der ehemalige SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli, für den es "offensichtlich" ist, dass es sich bei den Tätern um Ausländer handeln muss. Vielleicht Auftragskiller.

Doch es war ein Rupperswiler. Einer aus dem Dorf. Einer, den alle hier kannten: Thomas N.

Feuerwehrkommandant Dominik Kunz ist am 13. Mai 2016 an seinem Arbeitsplatz in Villigen, als auf seinem Handy eine Push-Meldung Neues zum Fall Rupperswil ankündigt. Im Livestream am Computer sieht er, wie die Polizei auf der Pressekonferenz Bilder des Rucksacks von Thomas N. zeigt. Kabelbinder, Klebeband, ein Seil, eine alte Armeepistole.

Kunz hört, wie die Ermittler sagen, Thomas N. sei bereit zur nächsten Tat gewesen. Getrieben von einem sexuellen Motiv. Er soll sein jüngstes Opfer missbraucht haben. Kunz, der Vater von zwei kleinen Kindern, sagt: "Natürlich war ich froh, dass sie den Täter gefasst hatten. Aber eigentlich überwiegte damals der Schock."

Der Schock, dass es einer von ihnen war. Thomas N. lebte nur gerade 500 Meter vom Tatort entfernt. Er besuchte dasselbe Schulhaus wie der Feuerwehrkommandant Kunz. Er war vielen im Dorf bekannt. Aber nur vom Sehen her, betonen alle, mit denen man in Rupperswil spricht. Mit dem Hund sei er oft unterwegs gewesen, heißt es. Aber richtig gekannt haben will ihn, im Nachhinein, niemand.

Wenige Wochen nach der Verhaftung. Dominik Kunz sitzt im ersten Stock des Feuerwehrmagazins in Rupperswil. Er strahlt die natürliche Autorität eines 33-jährigen Mannes aus, der eine 95-köpfige Feuerwehrtruppe leitet. Unter ihm glänzen rot die Löschfahrzeuge. Um 11.20 Uhr ist am 21. Dezember 2015 der Alarm auf ihren Handys eingetroffen. Kunz dachte erst an eine brennende Bratpfanne. Feuerwehrmann-Intuition. Schließlich war kurz vor Mittag, also Kochzeit. Er zieht seine schwarze Hornbrille ab, legt sie auf den Tisch und reibt sich die Augen – es war keine Bratpfanne.

In den Monaten von der Tat bis zur Verhaftung von Thomas N. stehen die Frauen und Männer der freiwilligen Feuerwehr unter enormem Druck. Bei jedem Alarm schwingt der Gedanke mit, wieder an einen Tatort ausrücken zu müssen.

Dazu kommt die Belastung, mit niemandem außerhalb der Feuerwehr über das Erlebte reden zu dürfen. Über die Szenen in dem brennenden Haus am Ende des Dorfs. Die Hitze, die ihnen entgegenschlug. Die Suche nach dem Brandherd. Den Anblick der Opfer.