Statt mit einem Frühstück begannen Lara Emmrichs* Tage mit Liegestützen, danach ging es ins Fitnessstudio. Erst wenn sie ihre Übungen absolviert hatte, durfte sie eine Kleinigkeit zu sich nehmen. "Wollte ich essen, dann musste ich mir das erst einmal verdienen", sagt die 27-Jährige. Viereinhalb bis fünf Stunden täglich war sie in Bewegung. Ihr normales Programm: Erst 20 Kilometer Fahrradfahren, danach noch 10 Kilometer Laufen. Sie trainierte nicht für einen Wettkampf – sie musste es einfach tun.

Ohne Sport fühlt die junge Frau sich schlecht, ist angespannt, aggressiv und kann aus Angst zuzunehmen nicht essen. Lara ist krank. Sie leidet unter einem exzessiven Sport- und Bewegungsdrang, der umgangssprachlich gerne als Sportsucht bezeichnet wird. Aber kann Sport wirklich süchtig machen? Im medizinischen Diagnose-Handbuch ICD-10, das in Deutschland gilt, kommt ein pathologischer Bewegungsdrang nicht als Krankheitsbild vor. Das liege auch daran, dass er in den meisten Fällen als Begleiterscheinung anderer Erkrankungen auftrete, sagt der Sport- und Gesundheitspsychologe Jens Kleinert von der Deutschen Sporthochschule Köln. Die primäre Sportsucht, bei der Sport als Selbstzweck betrieben werde, sei eher selten. Am häufigsten tritt ein exzessiver Bewegungsdrang in Verbindung mit Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie auf, manche Psychologen sprechen dann von einer Anorexia athletica oder Bulimia athletica. Oft haben die Betroffenen eine Körperschemastörung, nehmen also ihre Figur deutlich negativer wahr, als es der Realität entspricht. Während Frauen sich oft als zu dick empfinden, halten sich viele Männer für nicht muskulös genug.

Auch Lara Emmrich wurde bereits mit 15 Jahren wegen Magersucht in einer Klinik behandelt. Gerade einmal 30 Kilo wog sie damals noch. Nach ihrer Entlassung entdeckte sie den Sport für sich. Anfangs ging es ihr damit noch gut: Endlich hatte sie ein Mittel gefunden, das ihr erlaubte, ohne Reue zu essen. Die Kalorien konnte sie beim Laufen und Radfahren ja wieder verbrauchen.

Betroffene treiben Sport nicht mehr aus Spaß, sondern aus Zwang und Druck

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Die Frage, ab wann der Drang zum Sporttreiben krankhaft wird, ist nicht einfach zu beantworten. Fachleute behelfen sich mit den Kriterien, die allgemein für Suchterkrankungen gelten. Kleinert nennt typische Abhängigkeitsmerkmale: "Betroffene treiben Sport nicht mehr, weil es ihnen Spaß macht, sondern aus Zwang- und Druckgefühlen heraus." Alles außer dem Sport werde vernachlässigt. Es folgten häufig Konflikte im beruflichen wie privaten Umfeld – vor denen sich die Betroffenen in weitere Trainingseinheiten flüchteten. "Wenn es keine anderen Wege als den Sport mehr gibt, um Probleme zu bewältigen, kann man von einem abhängigen Verhalten sprechen", sagt Kleinert. Betroffene schädigen sich selbst nicht nur seelisch, sondern auch körperlich, indem sie über ihre Leistungsgrenzen hinausgehen und trotz Verletzungen oder Schmerzen weiter trainieren.

So war es auch bei Lara Emmrich. Die Freude an der Bewegung wich schnell dem Leistungsdruck. Im Fitnessstudio gab sie am Laufband und bei den Spinning-Fahrrädern ihr Gewicht und ihre Größe ein, um den Kalorienverbrauch genau verfolgen zu können. Wie ein Junkie, der ständig mehr Drogen braucht, steigerte Lara ihre Trainingseinheiten ins Maßlose – ein weiteres klassisches Suchtmerkmal. Anfangs genügten ihr 200 verbrauchte Kilokalorien, dann 600, nach vier Jahren musste Lara mindestens 1.000 Kilokalorien täglich durch Sport verbrennen. Die Warnsignale ihres Körpers ignorierte sie. Wenn sie vor Schmerzen nicht mehr laufen konnte, stieg sie aufs Fahrrad um oder nahm Schmerzmittel. Neben dem Sport und ihrem Biologie-Studium blieb keine Zeit mehr für Hobbys, soziale Kontakte, ihre Beziehung. "Es gab nur noch dieses Korsett aus Essen und Sport, das mein Leben zusammenhielt", sagt sie.

Seit einigen Tagen ist Lara Emmrich nun in der Schön Klinik Roseneck am Chiemsee. Zusätzlich zur Behandlung der Essstörung bieten die Ärzte dort eine spezielle Therapie für krankhaften Bewegungsdrang an. Das erhöhe den Behandlungserfolg, sagt Ulrich Voderholzer, ärztlicher Direktor der Klinik. Aber längst nicht alle Patienten mit pathologischem Sportverhalten sind essgestört: Eine Frau begann beispielsweise nach dem Verlust ihres Vaters, vier Stunden täglich Sport zu machen. Anstatt sich mit seinem Tod auseinanderzusetzen, lief sie im wahrsten Sinne des Wortes vor ihren Gefühlen davon.

*Name von der Redaktion geändert