Seit mehr als einem Jahr ist Sundar Pichai, 44, der Chef von Google. Nicht des ganzen Konzerns, der heißt jetzt Alphabet und wird vom Mitgründer Larry Page geführt. Aber Pichai leitet den Unternehmenskern, der mit Werbung das große Geld verdient und Milliarden Menschen erreicht mit Angeboten wie der Internetsuche, der Video-Plattform YouTube oder dem Betriebssystem Android.

Dass der ebenso ruhige wie umworbene Manager den Gründern teuer ist, zeigte sich Anfang des Jahres, als er Aktien im Wert von fast 200 Millionen Dollar erhielt. Dass Pichai Google verändert und nicht bloß verwaltet, beweist er selbst. Unter seiner Führung ist das mächtigste Software-Unternehmen der Welt zum Hardware-Hersteller geworden und bietet jetzt teure Smartphones an. Und Pichai, der Page zufolge oft das sagt, was er selbst bloß gedacht hat, hat auch das oberste Ziel für die Mitarbeiter verändert. Heute soll Google nicht mehr in erster Linie mobile Geräte wie Smartphones und Tablets mit den hauseigenen Programmen erobern, diese Aufgabe ist zu einem guten Teil erledigt. Künstliche Intelligenz ist jetzt das, was Pichai in den Vordergrund rückt. Die Google-Programme sollen zusammenwachsen zum klugen Assistenten, der auf dem Handy genauso präsent ist wie im Auto oder in der gesamten Elektronik zu Hause.

Grund genug, mit Pichai zu reden, ihn zu fragen, was Google mit seinen Nutzern vorhat. Die Gelegenheit bietet der deutsche IT-Gipfel im November, zu dem Pichai samt großer Entourage nach Saarbrücken gekommen ist – wo diverse Grundlagen für die künstliche Intelligenz von heute erforscht werden. In seinem kleinen Hotel ist ein Raum googletauglich gemacht worden, auf den hellen Holztischen stehen Obst, Nüsse, Süßigkeiten, es gibt frische Säfte, Mitarbeiter haben Laptops aufgeschlagen.

Einerseits ist der zurückhaltend-freundliche Mann aus Indien so gar nicht der Typ Silicon-Valley-Chef. Die Gründer dort toben sich gerne aus, sind zuweilen skurril oder aggressiv. Steve Jobs von Apple war in jungen Jahren brutal arrogant, bei Tesla ist Elon Musk bekannt für seine Wutausbrüche. Pichai dagegen ist die Ratio in Person, sein Motto: Respekt aus Vernunft. "Ich verfolge immer einen gemeinschaftlichen Ansatz", sagt er. Seine Leute, die viel Zeit zusammen verbrächten, müssten gut miteinander arbeiten können. Konflikte seien da kontraproduktiv. "So entsteht keine Zufriedenheit." Das ist schnell gesagt, aber in dem Fall wohl auch getan, bestätigen Mitarbeiter.

Andererseits passt Sundar Pichai genau ins Valley-Bild. Er hat nämlich den richtigen Glauben, den an die lebensverbessernde Kraft der Technologie. Gläubig wurde er schon als Jugendlicher, durch ein Telefon.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Pichai ist ein Mittelschichtskind aus dem südindischen Chennai, der Vater war Ingenieur. Bloß heißt Mittelschicht in Indien etwas anderes als hierzulande. Zwei Zimmer für die ganze Familie, kein Fernseher, kein Auto. "Wir mussten viele Jahre auf ein Telefon warten", erinnert sich Pichai. Als das Wählscheibengerät dann kam, sei das eine große Sache gewesen, auch für die Nachbarn, die es ebenfalls benutzen durften. Zuvor hatte die Familie zum Telefonieren den weiten Weg ins örtliche Krankenhaus gehen müssen, oft war der dortige Apparat dann doch nicht frei. "Ich erinnere mich, wie dieses eine Gerät das Leben veränderte", sagt Pichai. Da ist schon alles drin, der Kampf um Zugang, das Interesse an Kommunikationsgeräten, die Überzeugung, dass sie uns eine bessere Welt erschließen. Dazu passt das, was ihn bei Google mit seiner Milliardenkundschaft so fasziniert: "das Privileg, so viele Menschen zu erreichen. Ich wollte schon immer etwas für eine große Menge Leute tun. Das motiviert mich sehr."

Den Glauben hatte er also, alles andere erarbeitete er sich im Schnellverfahren. Sundar war ein Einser-Schüler und studierte, noch unter seinem Geburtsnamen Pichai Sundarajan, Ingenieurwesen an einer Elite-Uni nahe Kolkata. Auszeichnungen sorgten dafür, dass die Universität Stanford im Herzen des Silicon Valley ihn Werkstofftechnik studieren ließ. Später hängte er ein Business-Studium an der nicht minder berühmten Wharton School dran, arbeitete erst mal in der Halbleiter-Branche, dann beim Beratungsriesen McKinsey, bevor er 2004 zu Google kam und sich mit der Entwicklung von Chrome, dem hauseigenen Internetbrowser, einen Namen machte.

Für den heutigen Chef ist es nur folgerichtig, dass Google neben der Software auch selbst Hardware anbietet. Seine Begründung beginnt mit dem neuen Unternehmensgrundsatz AI first, "Künstliche Intelligenz zuerst". Pichai glaubt, der Umgang mit den digitalen Rechnern weite sich auf immer neue Bereiche des Lebens aus und werde sich immer natürlicher anfühlen. "Es ist das eine, das konzeptionell zu sagen, aber will man das alles wirklich zusammenbringen, muss man auch die Geräte dafür bauen."