Selten war die Kluft zwischen Verständnis und Potenzial einer Technik so gewaltig wie bei der Synthetischen Biologie. Schon der Begriff verwirrt. Hier tummeln sich Ingenieure, Designer, Molekulargenetiker und Informatiker, die mit modernen Methoden versuchen, Mikroorganismen, Tieren und Pflanzen neue Eigenschaften zu verleihen oder sie gleich ganz neu zu erfinden. Alles scheint möglich.

Wie schwer der Begriff einzugrenzen ist, das merkt man den Teilnehmern der UN-Konferenz zur Wahrung der biologischen Vielfalt an, die derzeit in Mexiko stattfindet. Das Zukunftsfeld der Synthetischen Biologie wird dort unter dem Punkt "Sonstiges" behandelt. Dabei könnten die UN-Experten endlich ein Versäumnis korrigieren: Noch immer hat die internationale Gemeinschaft keine Spielregeln für die Synthetische Biologie formuliert.

Das Feld entwickelt sich rasant. Neue gentechnische Methoden machen Eingriffe ins Erbgut so günstig, einfach und gezielt möglich wie nie zuvor. So finden heute Experimente in den Laboren statt, die noch vor fünf Jahren extrem kostspielig oder technisch undenkbar waren. Das ist im Prinzip großartig. Nur: Die Gesellschaft muss sich vorher darauf verständigen, wo sie der Technik Grenzen setzen will.

Es ist bald möglich, Leben als E-Mail-Anhang zu versenden, schließlich ist es im Kern nur eine milliardenfache Abfolge von vier Buchstaben. Aus dem Textcode können Roboter Erbmoleküle synthetisieren, die dann leere Zellhüllen zum Leben erwachen lassen. Wenn Leben nur noch digitale Information ist, wer hat dann das Recht, diese zu nutzen?

Soll es künftig erlaubt sein, veränderte sterile Malariamücken auszusetzen, die wild lebende Populationen ausrotten? Das ist die Idee des sogenannten Gene Drive. Vorschriften für diesen nicht reversiblen Eingriff in die Natur gibt es nicht. Vorschläge, es auszuprobieren, aber schon.

Am meisten zu verlieren haben die Industrieländer, in denen die großen Biotech-Unternehmen sitzen. Die Firmen treiben die neuen Techniken voran, sie schaffen neue Produkte und Dienstleistungen. Daran, dass ihnen strenge Regeln auferlegt werden, haben sie wenig Interesse. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass sich die Teilnehmer bis heute noch nicht einmal auf eine Definition von Synthetischer Biologie einigen konnten.

Es eilt. Die UN-Konferenz dient dem Schutz der biologischen Vielfalt – auch dem Schutz vor zu viel künstlicher Vielfalt, vor den Extremfantasien der Synthetischen Biologie. Sie ist der beste Ort für diese Fragen. Das nächste Treffen findet erst in zwei Jahren statt. Beim gegenwärtigen Tempo der Wissenschaft eine Ewigkeit.