Vielleicht hilft ja Solidarität. Umso mehr nach den jüngsten Terroranschlägen. Weil sich das Wirtschaftswachstum der Türkei verlangsamt und die eigene Währung unter massivem Druck steht, fordert Präsident Recep Tayyip Erdoğan von seinem Volk: "Tauscht eure Devisen in Gold oder Lira!" Der Grund: Gegenüber dem Euro und anderen Leitwährungen fällt der Wert der Lira immer mehr. Für einen Euro bekommt man in diesen Tagen 3,7 türkische Lira, 2015 waren es noch 3,2.

Gerade die fünf Millionen Auslandstürken in Europa, davon etwa drei Millionen in Deutschland, sollen den weiteren Kursrutsch aufhalten, wünscht sich die Regierung – indem sie ihre Devisen in türkische Lira tauschen und so die Währung stützen. Suat Sahin, Vorsitzender des regierungsnahen Unternehmerverbandes World Turkish Business Council in der Schweiz, verspricht im Gegenzug eine Belohnung: Wer ein Konto bei einer Bank in der Türkei eröffne und mindestens 1.000 Euro einzahle, der könne sich auf ein Treffen mit Präsident Erdoğan und Ministerpräsident Yildirim freuen. "Lasst uns gemeinsam den europäischen Staaten, in denen wir leben, und ihren Handlangern, den Terrororganisationen, eine Lektion erteilen", zitiert ihn die türkische Zeitung Post. Was genau Sahin mit "Lektion" meint, lässt er offen.

Im ganzen Land beteiligen sich mittlerweile Firmen an der Aktion – mit kostenlosen Leistungen für Bürger, die einen Umtausch von Dollar in Lira ab einer gewissen Mindesthöhe dokumentieren konnten. Dazu gehören Lebensmittel wie Fisch oder Anchovis, Haarschnitte oder Reifenwechsel.

Wer Euro und Dollar in der Geldbörse hat, wird als Verräter verunglimpft

Auch Funktionäre regierungsnaher Verbände in Deutschland rufen zum Tausch auf. Bekir Sipahi von der Union Europäisch-Türkischer Demokraten UETD in Duisburg etwa twittert, dass man "1.000 Spielchen zerstört", wenn man 1.000 Dollar in türkische Lira eintauscht. Gemeint sind damit angebliche Komplotte dubioser Mächte gegen die Türkei. "Die EU und USA müssen wissen, die türkische Lira wird ab sofort an Wert gewinnen", erklärt er über sein Twitter-Konto. In einer anderen Nachricht gibt er ähnliche Töne von sich. Das wahre türkische Volk komme mit der türkischen Lira aus. "Die Falschen sind hinter Euro und Dollar herlaufende Verräter", so Sipahi. Und weiter: "Beschützt die Lira. Beschützt das Land und das Volk."

Erdoğan will sich in Zukunft auch vom Dollar lösen. Geschäfte mit dem Iran, Russland und China sollten nur noch in Landeswährungen gemacht werden. Das habe man den Ländern vorgeschlagen. Und manche wollen mitspielen. Der Iran könne sich durchaus vorstellen, in Zukunft die Geschäfte mit seinem Nachbarn in den jeweiligen Landeswährungen zu tätigen. "Solche Geschäfte könnten für beide Seiten nützlich sein", sagte Irans Außenamtssprecher Bahram Ghassemi.

Auch die türkische Nationalbank unterstützt die Kampagne der Regierung zur Stabilisierung der Landeswährung. Die Maßnahmen hätten erste Wirkungen gezeigt, sagte der oberste Währungshüter Mura Cetinkaya: "Wurde bis vor Kurzem nur ein Prozent der internationalen Geschäfte mit der türkischen Lira abgewickelt, liegen wir jetzt bei über sechs Prozent."

Erdoğan vermutet hinter den angeblichen Angriffen auf die Währung nicht nur den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen und seine Hizmet-Bewegung, die er für den gescheiterten Putschversuch im Juli verantwortlich macht, sondern auch "ausländische Mächte".

Schon seit den Korruptionsermittlungen vom Dezember 2013 gegen ihm nahestehende Geschäftsleute und seinen Sohn Bilal hat Erdoğan, damals noch Ministerpräsident, begonnen, das ganze Land umzukrempeln. Nach der gescheiterten Revolte im Sommer hat er seinen Kurs nochmals drastisch verschärft. Zehntausende Staatsbedienstete wurden versetzt oder verhaftet und Unternehmen von Regierungskritikern beschlagnahmt.

Die Direktinvestitionen in die Türkei haben sich binnen Jahresfrist halbiert

Und schon sieht Erdoğan wieder seine Gegner am Werk. Weil der Putsch scheiterte, versuchten es Gülen und ihm Nahestehende jetzt mit der Schwächung der türkischen Lira.

Dabei sind es vor allem die Massenverhaftungen von Kritikern sowie die Abwendung vom Westen, die das Vertrauen von Investoren in das Land schwinden lassen. In den ersten sechs Monaten lagen die Direktinvestitionen aus dem Ausland bei rund 4,8 Milliarden US-Dollar. Im selben Zeitraum im vergangen Jahr waren es mehr als doppelt so viel. Banken wie die britische HSBC, die Royal Bank of Scotland oder der französische Mineralölkonzern Total haben sich aus dem Land zurückgezogen. Auch die Parfümeriekette Douglas gab bekannt, künftig keine Filialen mehr in der Türkei zu betreiben. Der Absturz der Lira basiert demnach weniger auf Verschwörungstheorien als vielmehr auf ökonomischen Fakten.

So brach der Tourismus nach all den Terroranschlägen und dem Putschversuch ein. In den ersten zehn Monaten waren die Hotels nur zur Hälfte ausgebucht, die Umsätze sanken um 42 Prozent. Zuletzt hatte die Rating-Agentur Moody’s die Bonität des Landes auf "Ramsch-Niveau" herabgesetzt. Für die Jahre bis 2019 erwartet die Rating-Agentur nur noch ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent. Halb so viel wie in den Jahren 2010 bis 2014.