Das Aufgabenfeld von Imamen, also muslimischen Geistlichen, beschränkt sich eigentlich darauf, zu predigen, die Gläubigen im Islam zu unterweisen und Seelsorge zu betreiben. Doch für türkische Imame kam kürzlich offenbar eine weitere Aufgabe hinzu: Wie die türkische Tageszeitung Cumhuriyet aufdeckte, sollen die Vorbeter, die türkische Beamte sind und vom Staat für eine befristete Zeit ins Ausland entsandt werden, im Auftrag der obersten Religionsbehörde Diyanet am Einsatzort Informationen über mutmaßliche Anhänger der Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen gesammelt und an die Generalkonsulate in den jeweiligen Ländern gegeben haben. "Diyanet ist wie MIT", titelte Cumhuriyet deshalb – MIT ist der Name des türkischen Geheimdienstes. Der Vorwurf: Imame hätten Bürger bespitzelt und die Informationen an die türkische Regierung weitergeleitet.

In der Türkei gilt die Bewegung von Gülen als Terrororganisation. Sie wird beschuldigt, hinter dem Putschversuch vom 15. Juli zu stecken, bei dem mehr als 240 Menschen getötet und über 1.000 verletzt wurden. Seit der Niederschlagung des Putsches gehen türkische Behörden gegen Zehntausende mutmaßliche Gülen-Anhänger in der Türkei vor. Nun sollen anscheinend türkische Imame im Ausland dabei helfen.

In Deutschland arbeiten diese Imame in den Moscheen des deutschen Diyanet-Ablegers Ditib, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion. Die Ditib ist der größte der islamischen Verbände hierzulande und betreibt in Deutschland mehr als 900 Moscheen.

Die Berichte über vermeintliche oder tatsächliche Gülen-Anhänger und -Vereine, die der ZEIT vorliegen, stammen aus insgesamt 38 Ländern, darunter auch Deutschland. Konkret geht es um die Großräume Köln, Düsseldorf und München. In den Papieren sind die Informationen unterschiedlicher Geistlicher über Personen und Vereine zusammengetragen, die diese aus ihrer Stadt kennen und der Gülen-Bewegung zuordnen. Eine Nachprüfung ergab, dass es sich bei den fraglichen Moscheegemeinden um von der Ditib betriebene Moscheen handelt.

Was steht drin? Ein Imam aus dem Großraum Düsseldorf schreibt etwa: "Das Vereinsbüro und die Nachhilfe befinden sich in der XY-Straße im dritten Stock. Sie geben Nachhilfe und haben so Kontakt zu Eltern und Schülern. Darüber hinaus versuchen sie, bei den deutschen Behörden die Erlaubnis zu bekommen, Flüchtlingen Deutschunterricht zu geben (...). Sie haben regen Kontakt zu den deutschen Behörden und ihren eigenen Mitgliedern und sind sehr verschlossen." Manche Geistliche begnügen sich damit, nur die Vereine mit Namen und Adresse aufzulisten und kurz deren Tätigkeit zu beschreiben. Andere Imame sind fleißiger und genauer. Einer etwa nennt Personen mit ihrem vollständigen Namen, nebst Heimatstadt in der Türkei, und beschreibt ihre Rolle in der Gülen-Bewegung: "XY arbeitet aktiv für diese Struktur. Er hat damit auch nach dem 15. Juli nicht aufgehört." Mit "Struktur" ist hier die Gülen-Bewegung gemeint, die die türkische Regierung auch als "parallele Staatsstruktur" bezeichnet – in Anspielung auf den Vorwurf der Regierung und vieler (auch regierungskritischer) Beobachter, wonach die Bewegung staatliche Institutionen mit eigenen Leuten unterwandert habe. Sie halten die Bewegung für eine Sekte.

Ein weiterer Imam weiß: "Noch immer gibt es Unterstützung für diese Hetzer, die gegenstandslose Lügen über unsere Moschee verbreiten." Auch hier weist der Autor darauf hin, dass es einen engen Kontakt zu deutschen Behörden und Lokalmedien gebe. Ein weiterer Geistlicher schreibt: "XY hat ihre Uni-Jahre in den Häusern dieser Struktur verbracht. Sie kam als Braut nach Deutschland. Auch wenn sie nicht aktiv ist, so heißt es doch, dass ihr Herz noch an ihr hängt."

Im Bericht aus dem Münchner Generalkonsulat wird die Arbeit Gülen-naher Vereine in verschiedenen Bereichen aufgezählt, in Bildung, Medien, Kultur oder Wirtschaft etwa. Das Fazit der Autoren über die Gülen-Leute hier: "Auch wenn sie keinen Zugang mehr zu den Moscheen und Vereinen der Ditib erhalten, können sie weiterarbeiten. Es kann keine Anstrengung der lokalen Behörden gegen diese Bedrohung festgestellt werden." Man wünscht sich offensichtlich, dass deutsche Behörden mehr gegen die Gülen-Bewegung unternehmen.

Die Ditib, immerhin Partner der deutschen Bundesregierung in Fragen der Integration und etwa auch beim Islamunterricht an deutschen Schulen involviert, weist die Spitzelvorwürfe zurück. "Weder der Ditib-Bundesverband noch seine Landesverbände oder Gemeinden haben eine Anweisung, wie sie in den Medienberichten erwähnt wird, erhalten oder eine solche gegeben. Auch wurden keine derartigen Berichte durch die Ditib oder durch ihre Abteilungen verfasst oder weitergegeben. Ein solches Vorgehen fände ohnehin nicht unsere Unterstützung." Man beobachte seit einiger Zeit, dass immer wieder manipulativ und unwahr über den Verband berichtet werde.

Ein weiteres Papier, in das die ZEIT Einblick hatte, legt allerdings nahe, dass die Berichte echt sind. Darin weist der Diyanet-Chef für auswärtige Beziehungen am 20. September die Botschaften und Konsulate der Türkei an, diese Art von Berichten über Gülen-Einrichtungen und -Personal an die Abteilung für Auswärtige Beziehungen zu schicken. Außerdem fanden die Aufzeichnungen Eingang in die Putsch-Untersuchungskommission des türkischen Parlaments, die die Hintergründe des Staatsstreichs und die Rolle der Gülen-Bewegung untersuchen soll. Das bestätigte ein Mitglied dieser Kommission.

Natürlich können das alles Fälschungen und Lügen sein. Diejenigen, die diese Berichte herausgaben, haben ein Interesse daran, dass kritisch darüber berichtet wird. Aber der Verdacht ist doch nicht sehr plausibel. Zum einen mangelt es nicht an kritischen Artikeln über die türkische Regierung. Zum anderen hat diese mehr als einmal betont, dass sie die Gülen-Bewegung mit aller Härte verfolgen wird.

Und kann es sein, dass die Ditib außen vor gelassen wurde? Nichts ist unmöglich – aber sehr wahrscheinlich ist es nicht, dass ein Verband von derlei Vorgängen in seinen eigenen Moscheegemeinden rein gar nichts mitbekommt.

Dabei scheint nicht jeder Muslim mit dieser Form der Informationsbeschaffung durch türkische Behörden in Deutschland einverstanden zu sein. Eine muslimische Frau klagt zu dem Thema auf Facebook: "Die Verantwortlichen in der Türkei sind sich nicht darüber bewusst, dass sie unsere jahrelange Arbeit hier zunichtemachen. Und wenn sie es wären, es wäre ihnen wohl egal ... Einige kommen für ein paar Jahre hierher, machen alles kaputt und gehen wieder. Und wir können wieder bei null anfangen."