Er muss immer wieder daran denken: "Als ich in der Straßenbahn nach Hause saß, fuhr Maria gerade die Dreisam entlang." Yannick Weinzierle, 19 Jahre alt, Medizinstudent, hat Maria L. noch kurz vor ihrem Tod gesehen. Sie stand schräg hinter ihm in der Schlange an der Garderobe, er war im gleichen Semester wie Maria, sie wechselten ein paar Worte auf der "Big Medi Night", einer großen Studentenparty im Institutsviertel in Freiburg-Herdern. Dann verloren sie sich im Gedränge. Maria machte sich mit dem Fahrrad auf den Heimweg nach Littenweiler im Osten Freiburgs. Am nächsten Tag fand eine Joggerin Maria L. tot in der Dreisam liegend, dem Fluss, der durch Freiburg fließt. Maria wurde vergewaltigt und ermordet.

Seitdem ist an der Universität nichts, wie es einmal war: Die Polizei kommt mit Spürhunden in Yannicks Vorlesung, die Studenten geben Speichelproben ab, Yannick denkt, wie so viele: "Bitte lass es keinen hier drin gewesen sein." In der medizinischen Fakultät wird rasch ein Trauerraum für Maria eingerichtet. Als Präparierkurse auf dem Lehrplan stehen, Kurse, in denen angehende Mediziner "Körperspender" sezieren, Menschen die eingewilligt haben, ihren toten Körper der Forschung zu überlassen, stellt die Uni-Leitung den Studenten frei, die Kurse zu besuchen. Doch das Medizinstudium ist hart, Prüfungen stehen an, viele nehmen teil. Mutmaßungen machen die Runde, Angst macht sich breit, Studentinnen kaufen Pfefferspray und Alarmsirenen für den Schlüsselanhänger.

Anfang Dezember, sieben Wochen nach der Tat, mischen sich in den Schock über den Mord zwei andere Gefühle: Erleichterung, dass die Polizei den mutmaßlichen Täter festgenommen hat, einen Flüchtling aus Afghanistan. Und gleichzeitig Sorge vor rechter Hetze. Die Universitätsstadt Freiburg ringt mit ihrem Selbstbild. Die Schwarzwaldmetropole mit einem grünen Oberbürgermeister steht für entspannte Weltoffenheit. Sie ist ein Sehnsuchtsort. Verwinkelte Gassen, viel Sonne, eine der besten Universitäten Deutschlands. 16.000 Angestellte hat sie, dazu 30.000 Studenten, bei 230.000 Einwohnern. Wie geht die Universität damit um, mit diesem Mord in ihrer Mitte?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

In Freiburg stößt die Frage "Habt ihr Angst?" vor allem in linken Helferkreisen auf Ablehnung. Man will sich nicht einschränken lassen, weder von der eigenen Angst noch von der Stimmungsmache, die hochkocht, als der mutmaßliche Täter bekannt gegeben wird. Die jungen Frauen und Männer sind froh, in einem Land zu leben, in dem sie Freiheiten und Rechte haben, und wollen sie auch ausleben. "Ich werde weiterhin kurze Röcke tragen, wenn ich das will", sagt eine Germanistikdoktorandin. "Es wäre albern, sein Leben jetzt nicht mehr zu genießen", sagt ein Ethnologiestudent. Diese trotzige Offenheit steht im Kontrast zur Kriminalitätsstatistik. Seit Jahren toppt die Zahl der Delikte die anderer Kommunen in Baden-Württemberg. Und da geht es nicht nur um Fahrraddiebstähle. Es geht auch um Gewalt und Raub.

In der Universität herrschen Trauer und Bestürzung, auf der Homepage schreibt Rektor Hans-Jochen Schiewer, die Gedanken seien jetzt bei der Familie, den Freunden und den Kommilitonen der Studentin. In einer Traueranzeige bitten Marias Eltern darum, an die Studenteninitiative Weitblick zu spenden. Die Hilfsorganisation sammelte Spenden für die Renovierung einer Grundschule in Ghana und setzt sich für Bildungschancen für Menschen aus aller Welt ein. Im Netz beginnt die Hetze. Weitblick deaktiviert seine Facebook-Seite vorübergehend. "Wir finden es inakzeptabel, aufgrund eines einzigen verdächtigten Täters pauschal und voreilig auf alle Geflüchteten oder auf einzelne Gruppen Geflüchteter zu schließen", schreibt die Gruppe.

Auch das Flüchtlingsprojekt Aktion Bleiberecht erhält E-Mails, in denen die Mitglieder für den Tod von Maria mitverantwortlich gemacht werden. Facebook-Gruppen weiterer Helferkreise machen dicht; die Badische Zeitung muss aufgrund von Hetzkommentaren stark moderierend eingreifen. Persönlich kennen die Helfergruppen und Studenten kaum Menschen, die rechte Ansichten vertreten. Die Front gegen rechts scheint vor allem eine Front gegen Internettrolle zu sein. Stammtische, Fußballvereine auf dem Land, Orte, an denen linksliberale Positionen infrage gestellt werden, werden von Studenten selten aufgesucht. Die Lebenswelten überschneiden sich kaum. Man bewegt sich im eigenen Wertesystem.