Klar, Rankings sind immer mit größter Vorsicht zu genießen. Gerade, wenn es um komplexe Dinge wie Unternehmenssteuern geht. Trotzdem: Es sagt einiges über ein Land und seinen politischen Bauchnabelblick, wenn die britische Entwicklungshilfeorganisation Oxfam die Steueroasen rund um den Globus vermisst, die Schweiz schließlich in den Top 4 landet – in den hiesigen Medien dazu aber lediglich eine Kurzmeldung zu lesen ist.

Nein, Selbstkasteiung ist keine Journalistenpflicht, auch NGOs arbeiten immer mit einer Agenda. Doch platzt eine solche Spar-Rangliste ausgerechnet in den Abstimmungskampf um eine der größten Steuerreformen der vergangenen Jahre, dann stellt sich zumindest eine Frage:

Was bedeutet das für die Schweiz und ihre künftige Steuerpolitik?

Am 12. Februar stimmen die Schweizer über die Unternehmenssteuerreform III (USR III) ab. Hinter dem Wortungetüm versteckt sich eine ebenso sperrige, weil unglaublich komplizierte Vorlage. Kurz gesagt geht es darum, die Schweiz weiterhin attraktiv für ausländische Unternehmen zu halten. Denn seit einigen Jahren ist klar: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) akzeptiert nicht länger, dass ausländische Holdinggesellschaften auf Gewinne, die sie im Ausland erwirtschaften, viel weniger Steuern bezahlen müssen als auf Gewinne, die sie in der Schweiz erzielen.

Der Grund für den aufgestauten Ärger ist ebenso simpel wie einleuchtend: Mit diesem Regime verlieren andere Länder erhebliche Steuereinnahmen. Das Privileg muss also weg, und zwar bis 2019. Sonst drohen schwarze Listen.

Das Problem: Fallen die alten Privilegien, droht in der Schweiz ein Firmen-Exodus. Es geht um 24.000 Unternehmen und 150.000 Jobs. So sagen es die Befürworter der Reform, und sie warnen: Tun wir nichts, stehen Steuereinnahmen von 5,4 Milliarden Franken auf dem Spiel. Das ist auch für ein reiches Land sehr viel Geld.

Deshalb wollen der Bundesrat und das rechtsbürgerliche Parlament den Unternehmen entgegenkommen. Erstens mit einer sogenannten Patentbox; dank ihr werden Erträge aus geistigem Eigentum niedriger besteuert. Zweitens mit Steuerabzügen für Forschungs- und Entwicklungsausgaben. Und drittens mit niedrigeren kantonalen Gewinnsteuern.

Unter dem Strich drohen damit beim Bund und in den Kantonen Steuerausfälle in der Höhe von drei Milliarden Franken. So sagen es die Gegner der Reform – und beziehen sich dabei auf offizielle Schätzungen.

So ist die USR III ist ein Beispiel für vermeintlich alternativlose Politik. Dem Stimmbürger bleibt die Wahl zwischen einem riesigen oder einem noch riesigeren Loch in den Staatskassen – sowie die Aussicht auf Steuererhöhungen für Normalverdiener, einschneidene Budgetkürzungen oder gleich beides zusammen.

Das wäre bereits ärgerlich genug. Ist aber noch nicht alles. Was in der ideologisch geführten Diskussion völlig vergessen wird: Wie wird das Ausland, wie wird die OECD, wie die EU, wie werden die G20 auf das neue Schweizer Steuerregime reagieren? Nicht heute, nicht morgen, sondern in zwei, drei, fünf Jahren.

Der Oxfam-Bericht gäbe dazu ein paar Hinweise. Dass sich die Autoren ausgerechnet an den Patentboxen festbeißen, sollte die Steuerpolitiker und -verwalter in Bern und in den Kantonen hellhörig machen. Sie ermöglichen, was viele Steuerwüsten-Staaten schon heute ärgert und besonders die Volkswirtschaften in Entwicklungsländern empfindlich trifft: Profite aus anderen Ländern in die Schweiz zu verschieben und hier günstig zu versteuern.

Obschon mehrere EU-Länder solche Boxen kennen, die Schweiz also einem Trend folgt, ist dieses Steuervehikel nicht nur Nichtregierungsorganisationen ein Dorn im Auge. Der OECD-Steuerchef Pascal Saint-Amans sagte bereits im Dezember 2015, er bedauere, dass es ihm nicht gelungen sei, Patentboxen gänzlich als schädliche Steuerregimes zu disqualifizieren; so schreibt es die Arbeitsgemeinschaft Alliance Sud in einem kürzlich veröffentlichten Papier.

In der Schweiz hat man davon nicht gelesen. Will man davon nichts lesen. Denn es würde bedeuten, dass man in ein paar Jahren wieder gleich weit ist wie heute: von außen unter Druck, im Innern das Steuersystem zu ändern.

Ohne Alternative.