DIE ZEIT: Frau Mahler, die Sibylle war ein Modemagazin, aber die Mode, die darin gezeigt wurde, gab es nirgends zu kaufen. Wie konnte dieses Heft trotzdem so beliebt werden?

Ute Mahler: Es ging gar nicht in erster Linie ums Kaufen, um "Shopping", wie man heute sagen würde. Es ging um Anspruch, um Kunst und um ein Lebensgefühl. Die Sibylle wollte den Lesern Mut machen zur Individualität. Niemandem sollte etwas übergestülpt werden. Im Grunde sollten die Leserinnen einen Traum träumen können. Die Umstände, unter denen dieses Magazin entstand, waren einfach besonders.

ZEIT: Inwiefern?

Mahler: Die Redaktion hat es geschafft, ein Lebensgefühl zu entwickeln. Dass das vom Staat geduldet wurde, ist eines dieser nicht zu erklärenden Wunder aus DDR-Zeiten. Die Sibylle-Redaktion arbeitete mit einem Vorlauf von einem knappen Jahr. Das heißt, es war diesem Heft gar nicht möglich, die aktuellen Modetrends zu präsentieren. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Sibylle so ein spezielles Heft geworden ist. Sie war gedacht als Zeitschrift für Mode und Kultur, und diese Idee hat sich verselbstständigt: beides zu haben, Mode auch als Teil von Kultur zu betrachten.

ZEIT: Sie begannen Ihre Karriere bei der Sibylle. Was bedeutete es, für diese Zeitschrift zu arbeiten?

Mahler: Als ich in Leipzig Fotografie studierte, in den siebziger Jahren, träumte ich ganz kühn davon, eines Tages für dieses Heft arbeiten zu dürfen. Das war mein größter beruflicher Wunsch. Aber wie das immer so ist mit Träumen: Als sich der Wunsch erfüllt hatte, fühlte sich alles mit einem Mal ganz selbstverständlich an. Im Rückblick denke ich oft: Mein Gott, wie privilegiert wir waren!

ZEIT: Tatsächlich?

Mahler: Na klar, gerade im Vergleich zur heutigen Zeit. Wir Fotografen haben gemeinsam mit den Redakteuren Ideen entwickelt, waren gleichberechtigt, auch die Fotoshootings fanden in einem fast privaten Rahmen statt: nur das Model, die Redakteurin und die Fotografin. Niemand kontrollierte uns, niemand unterbrach uns. Und was auch besonders war: Wir Fotografen hatten großen Einfluss auf die Auswahl und Reihenfolgen unserer Bilder.

Das Buch zur Rostocker Ausstellung erscheint am 19. Dezember im Verlag Hartmann Projects (336 S., 39,80 €). © Verlag Hartmann Projects

ZEIT: Nun haben Sie sich noch einmal jede einzelne Sibylle-Ausgabe angesehen, um ein Buch zur Geschichte dieses Magazins herauszubringen, begleitend zu einer Ausstellung, die diese Woche in der Kunsthalle Rostock eröffnet. Sie haben alle Ausgaben noch einmal durchgeblättert!

Mahler: Ja, wobei ich dabei von den ehemaligen Sibylle-Redakteurinnen Claudia Engelbrecht, Monika Oppel und dem Redakteur Thomas Greis unterstützt wurde, mit denen ich damals gearbeitet habe. Wir haben auch mit vielen anderen ehemaligen Mitarbeitern gesprochen. Im Grunde habe ich seit April nichts anderes gemacht. Ich dachte immer: Man müsste auch einmal die Sibylle-Macher vorstellen, die Redakteure, die Models – und die Kultur beleuchten, die damals in der Redaktion herrschte. Darum ging es uns. Jeder im Osten kennt die Sibylle, sie sollte auch nicht vergessen werden.

ZEIT: Wenn Sie sich Sibylle-Hefte von früher ansehen: Sind sie mit Westmagazinen vergleichbar?

Mahler: Ich denke, das waren sie schon damals nicht. Wir kannten natürlich die großen internationalen Modefotografen und haben sie verehrt. Aber wir wussten auch, dass wir ihnen gar nicht nacheifern können. Dass wir stattdessen ganz anders sein müssen. Und das funktionierte, wir spürten das. Auch weil die Resonanz der Leserinnen so groß war, da gab es viel Anerkennung, da gab es Leserinnen, die die Zeitschrift regelrecht verehrten.