Der Philosoph Martin Seel hat recht, wenn er schreibt, dass "von Utopien nur sprechen sollte, wer bereit ist, sie ernst zu nehmen". Was man bei Thomas Morus ernst nehmen muss, ist die radikalste Idee, die er seinem Inselgarten eingepflanzt hat: nämlich die Abschaffung der Erbsünde. Weder Herrschsucht noch Selbstliebe soll es auf Utopia geben, keine Gier nach Macht und Größe. Nie wieder soll sich die "höllische Schlange" des Hochmuts "in das Herz des Menschen schleichen". Deshalb lässt Thomas Morus die alte Feudalgesellschaft kurzerhand untergehen und wünscht die heraufziehende kapitalistische Gesellschaft zum Teufel. Überall dort, "wo es noch Privateigentum gibt, wird es kaum jemals möglich sein, gerechte oder erfolgreiche Politik zu treiben". Mit anderen Worten: Ohne die geringste Vorstellung von ihm zu haben, gräbt Morus dem bürgerlichen Liberalismus das Wasser ab und macht in der Gründungsphase der Neuzeit auf spektakuläre Weise Front gegen die Gesellschaft der egoistischen Menschen. Seine Staatsfiktion greift ein Rechtssystem an, das den schrankenlosen "natürlichen" Willen des Einzelnen legalisiert und jenes Elend herbeiführt, das man in den schmutzigen Gassen Londons besichtigen kann.

Kurzum, für Morus war es undenkbar, dass eine Gesellschaft gut und gerecht genannt werden kann, die nicht auf sittlichen Idealen beruht, sondern auf Macht und Ökonomie – und auf einem Eigentumsbegriff, der dem Egoismus des Einzelnen keine Grenzen setzt. Wie verkommen müsse eine Gesellschaft sein, die "alles nach dem Wert des Geldes bemisst", fragte er. Deshalb werden auf Utopia Recht und Gesetz radikal auf Gemeinwohlorientierung umgestellt. Die Menschen arbeiten nicht für die anonymen Anforderungen des Marktes; sie arbeiten für jene Bedürfnisse, die die Gesellschaft vorher festgelegt hat. "Welch größeren Reichtum kann es geben, als wenn man frohen Herzens leben kann, ohne um sein tägliches Brot zu bangen?"

Thomas Morus ist ehrlich genug, um den Zweifel an seinem Gedankenexperiment gleich mitzuliefern, auch an der Idee von der Abschaffung des Geldes. Wenn er diesen Zweifel nicht offen ausspricht, dann versteckt er ihn in der ästhetischen Konstruktion seines Werks. Im Text häufen sich die Widersprüche, es gibt klare Ironiesignale, und man weiß oft nicht, welche Haltung der Autor selbst vertritt. Das heißt: Auf der einen Seite demonstriert Morus dem Leser, dass eine andere Gesellschaft denkbar ist, eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, brutale Konkurrenz und die perverse Akkumulation von Reichtum. Auf der anderen Seite macht er keinen Hehl daraus, dass sein Niemandsland eine triste Zwangsveranstaltung ist. Es herrscht Gleichheit ohne Freiheit, und zwischen Staat und Familie existiert keine eigene soziale Sphäre, es gibt – modern gesprochen – keine "Gesellschaft". Zwar hat sich die Schlange der Herrschsucht verkrochen, doch dafür liegt jetzt alle Macht im Staate. Wer aufmuckt, wird in Ketten gelegt – in goldene, versteht sich.

Die utopischen Träume sind alle noch gültig und harren ihrer Verwirklichung

Am Ende misstraut Morus seiner eigenen Utopie. Er ahnt, um es mit dem Philosophen Rainer Forst zu sagen, dass die Verkehrung der verkehrten Welt selbst etwas Verkehrtes hat und in seiner Utopie die Dystopie schon lauert. Doch wie man es besser macht, das überlässt er der Fantasie der Nachgeborenen, also uns. Sein wahrhaft goldenes Büchlein von der besten Staatsverfassung und von der neuen Insel Utopia ist keine Rezeptur; es trainiert den Möglichkeitssinn des Lesers, und nun ist es an diesem, sich eine Ordnung auszudenken, die nicht nur gerecht, sondern auch frei ist.

Morus spürte, wie die Statik seiner Epoche ins Wanken geriet, das Weltbeben der Reformation lag in der Luft. Auch heute scheint wieder eine Ordnung aus den Fugen zu gehen; der Liberalismus verliert an Boden, das historische Bündnis aus Kapitalismus und Demokratie könnte zerfallen und autoritären Retro-Utopien Platz machen.

Mit Thomas Morus könnte man sagen: Wie es ist, so kann es nicht bleiben. Die sozialutopischen Träume sind alle noch gültig und harren ihrer Verwirklichung – der Traum von einem Leben in Würde, in Gerechtigkeit und Freiheit. Es ist empörend, dass es der Menschheit nicht gelingt, in Freiheit zu leben. Es ist eine Sünde, dass die 62 reichsten Menschen so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Doch um das zu ändern, müssten alle Nationen kooperieren. Es wäre möglich – doch schon das Mögliche klingt heute utopisch.

Vor 500 Jahren schien, trotz der allgegenwärtigen apokalyptischen Schrecken, die Zukunft offen zu sein. Heute dagegen verfinstert sich der Horizont der Zukunft, die Zeit ist knapp geworden. Die Sünden der Vergangenheit – die Pole schmelzen, die Menschen fliehen nach Norden – kommen der Gegenwart gleichsam aus der Zukunft entgegen. Das Beste, was eine Utopie leisten könnte, besteht nunmehr darin, das Schlimmste zu verhindern.

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