Sehnsucht ohne Ort? Von wegen!

Die Rechnung, die Laura Meschede aufmacht, ist einfach: Es ist genug für alle da. Niemand muss im Elend leben. Die Leute müssten sich auch nicht so abrackern, wie sie es tun. Könnten mehr Zeit für Wissenserwerb haben, beispielsweise. Oder für andere schöne Sachen. Schließlich herrsche schon jetzt Überproduktion, und die mache den Planeten kaputt.

Das alles bringt die 22-Jährige gut gelaunt und mit einer entwaffnenden Logik vor, nimmt nicht zu abstrakten Theorieschnipseln Zuflucht und ist auf Gegenfragen vorbereitet: "Ich habe ein Notizbuch bei mir, in das ich Argumente und Gegenargumente eintrage."

Die Politikstudentin versteht sich ausdrücklich als Kommunistin, wenngleich sie keiner der übrig gebliebenen Traditionskompanien mit Hammer und Sichel angehört. Stattdessen zettelt sie Debatten im Freundeskreis an, macht in einer Gewerkschaft mit, hat in ihrer Heimatstadt München den "Slutwalk" gegen sexuelle Gewalt mit organisiert. Nein, Meschede lebt wahrlich in der Gegenwart, doch an ihrer kommunistischen Utopie hält sie fest: "Sie ist das Ziel. Auch wenn meine Tagesform schwankt. Manchmal bin ich eher deprimiert und zweifle, dass es zu erreichen ist. Wenn ich 50 Jahre alt bin, wie sieht dann die Welt aus? Wie viele Millionen Klimaflüchtlinge wird es geben? Mich schockiert diese Selbstverständlichkeit der heutigen Welt, und ihre Unlogik."

Was wünscht sie sich am meisten? "Das Ende der Ausbeutung. Angstfreiheit. Keine Spaltung mehr." Sie fügt hinzu: "Es kann doch nicht sein, dass keine Alternativen zur Realität von heute mehr diskutiert werden?"

Da hat sie recht. Es gibt nämlich einen merkwürdigen Widerspruch.

Einerseits: Zurzeit weiß niemand, was die kommenden Jahre bringen werden. Rechtsradikale in der Regierung? Ein wild gewordenes Amerika? Krieg gegen Russland? Zerfall der Europäischen Union? Weltwirtschaftskrise? Massenflucht aus dem Süden in den Norden? Terroristisches Dauerfeuer? Bürgerkriegsszenen in Ostdeutschland? Klimakatastrophen ungeahnten Ausmaßes? All das ist möglich. Alles ist offen.

Andererseits: Nichts scheint offen. Der Sozialpsychologe Harald Welzer spricht von einer "unendlich gedehnten Gegenwart" und dem "Verlust des utopischen Denkens". Kaum einer glaube noch, dass eine ganz anders organisierte, friedliche, gerechte und die Natur schützende Gesellschaftsordnung, also eine grundsätzlich bessere Welt als die heutige möglich sei.

Praxis ohne Theorie, Theorie ohne Praxis: Ist das der Utopieverlust?

Doch ohne derlei Ideen gebe es keine Rettung, meint Welzer, der an mehreren Universitäten lehrt und sich in seiner Stiftung Futurzwei mit "Transformationsdesign" beschäftigt: "Es muss sich radikal etwas ändern. Nur – wenn sich etwas verändern soll, müssen die Leute sich auch bewegen, im körperlichen Sinne, zum Beispiel auf die Straße gehen. Das aber erreichen Sie nicht mit Argumenten. Dafür brauchen Sie Zukunftsbilder, mit denen Gefühle angesprochen werden."

Utopien sind solche Zukunftsbilder. Wörtlich genommen ist die Utopie ein Ort im räumlichen und zeitlichen Nirgendwo. Eine Fantasie. Sind Utopien also nutzlose Träumereien, unrealistisch, unpolitisch?

Der Pariser Philosoph Pierre Zaoui kontert: "Heute ist der sogenannte politische Realismus in Wahrheit unrealistisch. Im schlechten Sinne utopisch also. Etwa die Behauptung, alle hätten etwas davon, wenn die Reichen immer reicher werden. Oder eine europäische Flüchtlingspolitik, die sich einbildet, massive Einwanderung vermeiden zu können. Nein, jetzt ist der Moment gekommen, wieder ernsthaft über grundlegende Alternativen nachzudenken. Über Utopien einer anderen Welt."

Man kann diesen Gedanken auch so ausdrücken: Die Unmöglichkeit wechselt die Seiten.

Es gibt Momente, die machen das schlagartig klar. Etwa wenn im Stau nichts mehr vorangeht. Da hocken sie nun, die Leute, zusammengekrümmt in ihren tonnenschweren, mit fossilem Brennstoff angetriebenen Stahlgehäusen, sie ruinieren nach Kräften die Umwelt und kommen trotzdem nicht voran. Was einst unmöglich schien, die autofreie Stadt, wird zum grundvernünftigen Ziel von Kommunalpolitik.

Utopien können aber auch groß sein und an die Tür der Weltpolitik klopfen. Der internationalen Klimadiplomatie beispielsweise liegt das anspruchsvolle Ideal zugrunde, dass die Menschheit einig handeln muss, um das Erdklima zu regulieren. Und unter dem Rubrum "Fluchtursachen bekämpfen" fordern selbst konservative Politiker wie Wolfgang Schäuble eine gerechtere Verteilung der weltweiten Reichtümer, eine, wie er sagt: "Revolution".

Wir haben deshalb nach utopischen Ideen gesucht, in Berlin, Paris, Athen. Unter Kommunarden und Aktivisten, unkonventionellen Denkern und politischen Künstlern. So viel können wir feststellen: Die Utopie lebt. Und wir fanden noch mehr. Erstens: Ein Gespräch über Utopien landet sehr schnell beim Thema Europa. Zweitens: Utopien entwerfen neue Machtverhältnisse. Sie sprechen immer von Staat und Eigentum.

Die Vision der Anarchisten

Europa, dieses Wort, das einst den Sound der Utopie hatte, klingt heute nach Brexit und politischen Deals, nach Zäunen und Abschiebungen, nach Phrasen und Privilegien. Falk Richter will dieses Europa von alledem befreien. Der 46-jährige Theatermacher inszeniert derzeit im Frankfurter Schauspielhaus ein Stück mit dem Titel Safe Places. Er suche die Antwort auf eine simple Frage, sagt Richter: Wie wollen die Europäer ihr Europa leben? Liquid Citizenship lautet der Kernbegriff seiner Utopie. Richter beschreibt eine postnationale, flexible Form der Existenz von Europäern, die unterschiedlicher nicht sein könnten und einander doch so ähnlich sind. Bürger vieler Länder, die sich auf Grundregeln ihres Zusammenlebens verständigt haben und die, wie auf der Bühne in Frankfurt, in einer ausgeklügelten Choreografie umhertanzen, ein jeder für sich und doch im Ensemble.

Ein schönes Gleichnis. Geht es auch konkreter, Herr Richter? – "Wie wäre es mit den Vereinigten Staaten von Europa?" – Aber ist diese Utopie vom europäischen Superstaat nach den jüngsten Erfahrungen nicht naiv?

"Sie haben mich gebeten, meinen europäischen Traum zu skizzieren", gibt Falk Richter zurück. Einen Albtraum hat er freilich auch. Er hat ihn zuletzt in seinem Stück Fear an der Berliner Schaubühne inszeniert: Da gebar die Angst einen neuen Faschismus. Kritiker warfen Richter vor, er übertreibe – doch das war vor Brexit und Trump. Falk Richter ist der Überzeugung: Wer das Wahrwerden des Albtraums verhindern will, darf nicht bloß die Gegenwart verteidigen, er braucht Zukunftsideen.

Die Suche nach europäischen Zukunftsideen führt uns auf den Exarchion-Platz im Herzen Athens. Verstreut auf dem Boden sitzen dort hanfrauchende Frauen und vor allem Männer. Über ihnen das Transparent: "Die Europäische Union ist ein Projekt der Unmenschlichkeit". Zwei Studenten lehnen an einem dünnen Baumstamm. Der eine aus Rumänien, der andere aus Belgien. Sie diskutieren in gebrochenem Englisch, wie man die "Diktatur der Bürokratie" durchbrechen und ein "Europa für alle" errichten könne: kein Spardiktat mehr, keine Grenzen, kein Staat. Sie verstehen sich als Anarchisten und wünschen sich eine andere, neue, bessere EU. Ohne Regeln.

Klingt – utopisch. Andererseits: Diese Leute probieren ihre Idee auch im Alltag aus. Man wüsste also gerne mehr. Da tut sich eine Schwierigkeit auf: Anarchisten haben ein Problem mit "dem System" und mit "den Medien". Zwar reden sie gerne, auch sehr gern mit Reportern, im Nachhinein wollen sie aber ihre Namen und persönlichen Werdegänge nicht in der Zeitung lesen. Und jetzt? Keiner von ihnen soll gegen seinen Willen in der ZEIT vorkommen. Wir erlauben uns aber, einen Durchschnitt aus den Gesprächen zu bilden, sozusagen den Otto Normalanarchisten zu beschreiben – um seine Vision zu verstehen.

Er, der Durchschnittsanarchist, den wir aus den Gesprächen destillieren, ist ein Mann zwischen 25 und 35 Jahren. Er kommt aus städtischen Verhältnissen, meist aus einem gut situierten Elternhaus. Seine Kleidung hat er aus dem Müll gefischt, gewaschen, und siehe da: Die kurze Hose und das T-Shirt sind wie für ihn persönlich weggeworfen. Ein modisches Statement gegen den sozialen Druck, sich mit Textilien überzuversorgen.

Das sogenannte Containern, die Versorgung aus der Mülltonne mit Kleidung und Lebensmitteln, ist ein Protest gegen die Konsumgesellschaft, gegen die Ausbeutung natürlicher Rohstoffe und zu billig gewordener Arbeitskräfte. Was der Durchschnittsanarchist isst, wie er wohnt oder seine Freizeit verbringt – alles ist Widerstand. Er schläft auf einer ausgeleierten Matratze. Viele seiner Zimmergenossen können sich keine Wohnung leisten; auf engstem Raum haust der Anarchist mit den Verlierern des Kapitalismus in besetzten Häusern. Zum Beispiel in der Athener Innenstadt, oder im linken Viertel Christiania in Kopenhagen, in Gràcia, dem alternativen Stadtteil von Barcelona, oder in den niederländischen Universitätsstädten Leiden und Groningen.

Unser Durchschnittsanarchist erläutert sein Idealbild der Gesellschaft so: Die Welt sollte aus Wohngemeinschaften bestehen. Zum Beispiel aus dreckigen WGs und sauberen WGs. Wer Bock hat, in einem schmutzigen Haus zu leben, also nicht abspülen und wischen mag, der sollte das einfach tun – in einer dreckigen WG. Wer in einer sauberen Umgebung leben will, wer Bäderschrubben und Abwaschen liebt, der sollte das auch tun – in einer sauberen WG. Der Clou: Wer es sich anders überlegt, darf die WG wechseln. So wird jeder glücklich.

Ziehen dann aber nicht alle automatisch in wohlhabende WGs? Vielleicht. Wenn es dort zu eng wird, steht es ja jedem frei, anderswo hinzugehen. Regeln gibt es in den WGs – oder eben ehemaligen Staaten – nicht, es sei denn, die ganze WG beschließt gemeinsam den durchgängigen Gebrauch von Öko-Putzmitteln.

Mit anderen Worten: Anarchie bedeutet nicht, dass jeder machen kann, was er oder sie will. Anarchie ist immer ein Prozess der Abwägung, des Sich-von-Situation-zu-Situation-Denkens, des Dialogs. Das ist so wie die Abschaffung von Verkehrsregeln, das Vertrauen auf Augenkontakt und Kommunikation zwischen den Verkehrsteilnehmern. In Experimenten funktioniert das übrigens.

Was die Leute vom Exarchion-Platz in Athen sich ausmalen, klingt wie eine Erzählung aus dem Nirgendwo der fernen Zukunft. Wie eine klassische Utopie eben. Unerreichbar. Und doch versuchen die jungen Leute, ihr Ideal in Ort und Zeit zu verankern, im Europa von heute.

Besichtigen lässt sich das in einer ehemaligen Druckerei mit acht Stockwerken. Die in diesem Haus wohnen, haben es "Khora" genannt, ein von Platon geprägtes altgriechisches Wort, das mehr oder weniger "Stadt" bedeutet. Aber nicht irgendeine Stadt, sondern einen utopischen Ort, der für alle Menschen Platz bietet. Die jungen Bewohner des Khora sind aus Berlin, Edinburgh, Barcelona und anderen europäischen Städten nach Athen gereist, um diese Utopie zu zimmern, zu kacheln, in bunten Farben anzumalen und mit Teppichen auszulegen. Das Haus, das sie mit dem Geld einer britischen Hilfsorganisation günstig angemietet haben, verwandelt sich langsam in das Khora ihrer Träume. Hier sollen bald aus Spendengeldern bezahlte Lehrer in einer kleinen Schule Kinder unterrichten. Eine Kantine ist geplant, eine Frauenetage, ein Theater und vieles mehr. Geflüchtete aus Afghanistan, aus Syrien oder dem Iran sollen bald aus ihrem Alltag in den besetzten Häusern Athens ausbrechen können, um hier ein wenig Normalität zu finden.

Drei radikale Reformideen

An die 70.000 Asylbewerber sollen sich derzeit in Griechenland aufhalten. Der griechische Staat kann ihnen fast nichts bieten. Deswegen ist Elsa Terenzani eingesprungen, 26 Jahre, die kurze Jeanshose und das labbrige T-Shirt mit Holzlasur bekleckert. Seit Tagen schon schmirgelt sie Stühle und Tische ab. Eine dünne Schicht Sägemehl hat sich auf ihre Brille gelegt. "Europa sollte sein wie Khora", sagt die Kunsthistorikerin aus dem nordfranzösischen Lille. Wenn Menschen vor Krieg und Terror flüchten, sollten sie in Europa einen sicheren Ort finden. Da sind sie wieder, die safe places des Dramaturgen Falk Richter.

Das Schlimmste, was Europa passieren könne, seien "französische Verhältnisse", findet Terenzani. Sie erzählt von Nuit debout, einer Diskussionsbewegung junger Franzosen, die sich im Sommer auf öffentlichen Plätzen versammelten. "Bei Nuit debout reden und reden und reden sie nur. Über sich selbst. Aber tun nichts für die anderen." Von überall in Europa strömen junge Leute nach Griechenland, um ihren Beitrag zur Khora-Utopie zu leisten. "Nur die Franzosen sind nicht da. Zu viele kümmern sich nur noch um Frankreich." Terenzani faltet ein Stück Schleifpapier und lässt ihre Wut an einer splitterigen Tischplatte aus.

Ihr Landsmann Pierre Zaoui ist da weniger pessimistisch. "Das Besondere an Nuit debout war der Versuch, etwas Utopisches zu praktizieren. Jeder noch so Verrückte durfte sprechen, man ließ ihn ausreden und hörte zu. Es war so etwas wie ein Ort ohne Politik: ohne Machtkampf. Ohne Gewalt und Ausgrenzung. Wenigstens eine Zeit lang."

Was da beschlossen wurde, klingt nicht aufregend. Teils liest es sich wie ein grünes Reformprogramm, dann wieder einigten sich die Teilnehmer eines Ökonomie-Arbeitskreises auf eine Wirtschaft, die radikal auf direktem Tausch gründen soll, ohne Geld. Aber Genaues erfährt man nicht.

Just das meint Harald Welzer, wenn er vom "Utopieverlust" spricht. Der rühre "auch daher, dass wir eigentlich in einer guten Gesellschaft leben. In einer freiheitlichen Demokratie unter rechtsstaatlichen Bedingungen. Bloß beruht die auf einem Übernutzungsprogramm. Darauf, dass immer mehr und mehr produziert werden muss. Auf dem Raubbau an der Natur." Wie kann man den beenden?

"Nur indem die Produktion des materiellen Reichtums im Norden des Globus um 80 Prozent zurückgefahren wird", antwortet Welzer trocken. Moment mal: Das soll eine Utopie sein? Ist das nicht eher eine Dystopie, also die Vorstellung eines künftigen schrecklichen Zustands?

"Klar", entgegnet Welzer, "wenn wir die Gesellschaft der Gegenwart zugrunde legen, dann ist das beängstigend. Man braucht eben andere Vorstellungen davon, wie die Gesellschaft funktioniert." Aber welche? "Das ist ja der Utopieverlust. Wir wissen es nicht." Jetzt beißt sich die Katze in den Schwanz.

Immerhin nennt Welzer drei Schritte, drei Reformen, mit denen man anfangen könne. Sie sind wirklich radikal. Und hochpolitisch, denn in allen dreien spielt der Staat eine entscheidende Rolle – sieh an: Wenigstens auf dem Weg in eine andere Gesellschaft braucht es offenbar den Staat, sogar eine ganze Menge davon. Und das sind die drei Ideen:

Erstens: eine Gemeinwohlökonomie. Unternehmen müssten nicht nur ihre Gewinne bilanzieren, sondern auch, ob und in welchem Ausmaß sie zum Gemeinwohl beitragen. Die Belohnung wären Steuervorteile, also Subventionen.

Zweitens: Umweltkosten müssten sich in den Preisen niederschlagen, auch das geht nur von Staats wegen.

Drittens: ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle, um der Arbeit ihren Zwangscharakter zu nehmen.

Der Einwand, das sei doch utopisch, überzeugt da wenig. Nach utopischen Ideen wurde schließlich gefragt. Ein weiterer Einwand könnte sein: Eine Bürokratisierung der Wirtschaft wäre die Folge. Doch lässt sich entgegnen, dass die Wirtschaft ohnehin bürokratisiert ist, es gelte eben, die Regeln zu ändern.

Man könnte fragen, wie viel Entscheidungsfreiheit noch bleibt, wenn der Staat alles festlegt. Bloß – von wessen Entscheidungsfreiheit ist hier die Rede? Doch wohl von der des Eigentümers. Und da liegt der Kern der Sache. Alle Utopien laufen auf das Thema Privateigentum hinaus. Und es ist daran zu erinnern, dass dieses stets politisch ist, denn es wird vom Staat definiert: Er schützt es, er setzt dem Gebrauch des Eigentums – also der Freiheit, mit bestimmten Sachen zu machen, was man will – Grenzen. Das utopische Denken will diese Freiheit stärker reglementieren, viel stärker sogar – bis hin zu ihrer Abschaffung.

Eine Macht, die den Körper bewegt

Laura Meschede aus München stellt sich das gar nicht so schwierig vor. Spontan entwirft sie eine Art digitalisierter Planwirtschaft, die offen bleibt für Initiativen und Innovationen. "Vielleicht so", sagt sie: "Wenn einer eine Idee für ein neues Smartphone hat, dann postet er sie im Netz, und wenn dann beispielsweise 100.000 Leute sagen: Ja, das möchte ich haben, dann wird das in den Plan aufgenommen, und er bekommt dafür die Produktionsmittel vom Staat. Okay, wenn dann ein 100.001ter dazukommt, der auch das neue Smartphone haben will, dann geht er eben eine Zeit lang leer aus. So etwas muss man in Kauf nehmen, ist ein kleineres Problem als die heutige Überproduktion."

Und wer bestimmt im Unternehmen? Alle Mitarbeiter? Oder derjenige, der die Idee für das Smartphone hatte? Oder jemand vom Staat? "Das muss man mischen, da gibt es keine Patentlösungen." Aber führt Arbeiterselbstverwaltung nicht zum Betriebsegoismus und letztlich wieder zu einer Art verdecktem Kapitalismus? Sind Vergesellschaftung der Produktionsmittel plus Rätesystem in Staat und Wirtschaft nicht längst gescheiterte Ideen? Glaubt Laura Meschede wirklich, die Wirtschaft lasse sich programmieren wie eine Maschine?

Meschede erkennt diese Probleme auch, aber die Chancen überwiegen für sie. Es muss ja nicht alles auf einen Schlag verwirklicht werden. "Das kann auch kein Land im Alleingang erreichen", sagt sie. Was sie will: eine softe Weltrevolution, an deren Ende anders gewirtschaftet wird als jetzt.

Eins ist auffällig: Utopien sind letzten Endes immer ökonomisch. "Die Wirtschaft ist unser Schicksal", sagte der deutsche Industrielle und Politiker Walther Rathenau (1867 bis 1922), und es sieht so aus, als gelte das auch fürs utopische Denken. Irgendwie traurig. Muss das so sein?

Entgegnen ließe sich, dass nur jemand, der nicht von wirtschaftlicher Sorge niedergedrückt ist, solche Fragen stellen kann. Jemand aus dem reichen Norden. Stimmt, man kann den Spieß aber umdrehen: Es sagt viel über die Welt von heute aus, wenn Ideen eines besseren Lebens im Kern stets ökonomische sind. Über eine Welt, in der trotz Fülle immer noch Not existiert. Und in der die Arbeit überwiegend Zwang bedeutet. Das hat Folgen. "Die meisten Menschen wären weniger böse, wenn sie weniger zum Erwerb gezwungen wären", so schrieb es der mehr oder weniger marxistische Utopist Ernst Bloch als junger Mann nieder. Das war vor mehr als 100 Jahren.

In Utopia aber ist die Dominanz der Wirtschaft beendet. Mit den Worten von Karl Marx: Das "Reich der Notwendigkeit" wird zugunsten des "Reichs der Freiheit" verkleinert. Zu den Erkennungszeichen einer Utopie gehört zwar die Idee, der Staat sterbe irgendwann ab, doch ihr Sex-Appeal liegt darin, dass gewissermaßen die Ökonomie abstirbt. Jedenfalls in ihrer Form als Zwangsökonomie.

Dass diese Idee alt ist, ist kein Gegenargument. Immerhin hat sie lange gehalten. Der Pariser Philosoph Pierre Zaoui fügt hinzu: "Es gibt zurzeit keine originellen Utopien, weil die Hoffnungen die gleichen geblieben sind. Die Wünsche, die Sehnsüchte. Wenn Sie so wollen: die Missstände." In der Tat: Wer den Utopien anlastet, sie seien unoriginell, sollte zunächst die unoriginelle Gegenwart kritisieren. Armut, Sorge, Exklusion oder Unterordnung haben immer denselben bitteren Geschmack, und sie provozieren seit je ähnliche Träume von Auswegen Richtung Utopia.

Doch hat sich im 20. Jahrhundert nicht Außerordentliches ereignet – die Erfahrung mit Sozialismus und Kommunismus? In den Extremfällen Russland und China bedeutete das Bürgerkrieg, Terror, Gulags, Hungerkatastrophen, viele Millionen Tote. Hat die Utopie nicht ihre Unschuld verloren? Zaouis Pariser Kollege, der 42-jährige Michaël Fœssel, antwortet, solche Schrecknisse seien nicht die Folgen utopischen Denkens, sondern der "instrumentellen Vernunft" gewesen, für die der Zweck die Mittel heilige. Niemand wolle die totalitären Großversuche des 20. Jahrhunderts wiederholen.

Die Utopie ist eine emotionale Tatsache. Sie kann die Körper bewegen

Tatsache ist aber, dass der utopische Geist seither keinen Raum mehr hat im Politischen. Niemand gibt ihm Quartier. Nicht die Sozialdemokraten, nicht die Grünen, bei denen er früher wohnte. Sie haben ihn vertrieben, sicherlich zum eigenen Vorteil. Doch die Rolle des Weltverbesserers ist seither unbesetzt.

"Machen Sie sich keine Sorgen", kommentiert Alain Touraine. Der Nestor der französischen Soziologie erwartet für das 21. Jahrhundert massive Konflikte, deren Triebkraft die Moral sein werde. Touraine ist 91 Jahre alt, lehrt noch immer, schreibt unentwegt Bücher und mischt sich in die Politik ein. "Ich habe wahrlich Klassenkämpfe miterlebt", sagt er, "aber die Zeit ihrer Vorherrschaft ist vorbei. Heute kämpfen Individuen darum, dass es gut zugehe in der Welt und nicht böse." Dass auch in Klassenkonflikten stets moralisch argumentiert wurde, hat einer wie Touraine nicht vergessen, aber heute träten ethische Motive nicht mehr bloß als Verbrämungen sozialer Interessen hinzu, sondern als eigenständige Gründe, zu handeln. Der Klimaschutz, die Ansprüche des Südens, der Kampf um die Menschenrechte würfen allesamt die Frage nach einer ethisch gerechtfertigten Weltordnung auf.

Wenn der große Touraine recht hat, dann wäre jetzt wieder die Zeit der utopischen Ideen, die Ansprüche an die Welt formulieren. "Es genügt nicht, über die Rettung der Demokratie oder der Umwelt nachzudenken", sagt der Philosoph Michaël Fœssel. "All das Bisherige hat doch dazu geführt, dass wir Katastrophen vor Augen haben. Nein, das Bestehende selbst muss kritisiert werden. Die Utopie", fährt er fort, "dient als Instrument, um die Gegenwart zu messen. Sie erzeugt eine Differenz zur Realität."

Die Utopie stellt die Wirklichkeit infrage und fordert von ihr Rechtfertigung. Aber sie gründet nicht nur auf Überlegung, sondern auch auf Sehnsucht, sie ist eine emotionale Tatsache. Eine Macht, die den Körper bewegt. Den Bürger als Person. Hinaus auf die Straßen, die Plätze und sonst wohin. Sagen wir es so: Es ist an der Zeit, die Demokratie mit utopischen Ideen aufzufrischen.