Europa, dieses Wort, das einst den Sound der Utopie hatte, klingt heute nach Brexit und politischen Deals, nach Zäunen und Abschiebungen, nach Phrasen und Privilegien. Falk Richter will dieses Europa von alledem befreien. Der 46-jährige Theatermacher inszeniert derzeit im Frankfurter Schauspielhaus ein Stück mit dem Titel Safe Places. Er suche die Antwort auf eine simple Frage, sagt Richter: Wie wollen die Europäer ihr Europa leben? Liquid Citizenship lautet der Kernbegriff seiner Utopie. Richter beschreibt eine postnationale, flexible Form der Existenz von Europäern, die unterschiedlicher nicht sein könnten und einander doch so ähnlich sind. Bürger vieler Länder, die sich auf Grundregeln ihres Zusammenlebens verständigt haben und die, wie auf der Bühne in Frankfurt, in einer ausgeklügelten Choreografie umhertanzen, ein jeder für sich und doch im Ensemble.

Ein schönes Gleichnis. Geht es auch konkreter, Herr Richter? – "Wie wäre es mit den Vereinigten Staaten von Europa?" – Aber ist diese Utopie vom europäischen Superstaat nach den jüngsten Erfahrungen nicht naiv?

"Sie haben mich gebeten, meinen europäischen Traum zu skizzieren", gibt Falk Richter zurück. Einen Albtraum hat er freilich auch. Er hat ihn zuletzt in seinem Stück Fear an der Berliner Schaubühne inszeniert: Da gebar die Angst einen neuen Faschismus. Kritiker warfen Richter vor, er übertreibe – doch das war vor Brexit und Trump. Falk Richter ist der Überzeugung: Wer das Wahrwerden des Albtraums verhindern will, darf nicht bloß die Gegenwart verteidigen, er braucht Zukunftsideen.

Die Suche nach europäischen Zukunftsideen führt uns auf den Exarchion-Platz im Herzen Athens. Verstreut auf dem Boden sitzen dort hanfrauchende Frauen und vor allem Männer. Über ihnen das Transparent: "Die Europäische Union ist ein Projekt der Unmenschlichkeit". Zwei Studenten lehnen an einem dünnen Baumstamm. Der eine aus Rumänien, der andere aus Belgien. Sie diskutieren in gebrochenem Englisch, wie man die "Diktatur der Bürokratie" durchbrechen und ein "Europa für alle" errichten könne: kein Spardiktat mehr, keine Grenzen, kein Staat. Sie verstehen sich als Anarchisten und wünschen sich eine andere, neue, bessere EU. Ohne Regeln.

Klingt – utopisch. Andererseits: Diese Leute probieren ihre Idee auch im Alltag aus. Man wüsste also gerne mehr. Da tut sich eine Schwierigkeit auf: Anarchisten haben ein Problem mit "dem System" und mit "den Medien". Zwar reden sie gerne, auch sehr gern mit Reportern, im Nachhinein wollen sie aber ihre Namen und persönlichen Werdegänge nicht in der Zeitung lesen. Und jetzt? Keiner von ihnen soll gegen seinen Willen in der ZEIT vorkommen. Wir erlauben uns aber, einen Durchschnitt aus den Gesprächen zu bilden, sozusagen den Otto Normalanarchisten zu beschreiben – um seine Vision zu verstehen.

Er, der Durchschnittsanarchist, den wir aus den Gesprächen destillieren, ist ein Mann zwischen 25 und 35 Jahren. Er kommt aus städtischen Verhältnissen, meist aus einem gut situierten Elternhaus. Seine Kleidung hat er aus dem Müll gefischt, gewaschen, und siehe da: Die kurze Hose und das T-Shirt sind wie für ihn persönlich weggeworfen. Ein modisches Statement gegen den sozialen Druck, sich mit Textilien überzuversorgen.

Das sogenannte Containern, die Versorgung aus der Mülltonne mit Kleidung und Lebensmitteln, ist ein Protest gegen die Konsumgesellschaft, gegen die Ausbeutung natürlicher Rohstoffe und zu billig gewordener Arbeitskräfte. Was der Durchschnittsanarchist isst, wie er wohnt oder seine Freizeit verbringt – alles ist Widerstand. Er schläft auf einer ausgeleierten Matratze. Viele seiner Zimmergenossen können sich keine Wohnung leisten; auf engstem Raum haust der Anarchist mit den Verlierern des Kapitalismus in besetzten Häusern. Zum Beispiel in der Athener Innenstadt, oder im linken Viertel Christiania in Kopenhagen, in Gràcia, dem alternativen Stadtteil von Barcelona, oder in den niederländischen Universitätsstädten Leiden und Groningen.

Unser Durchschnittsanarchist erläutert sein Idealbild der Gesellschaft so: Die Welt sollte aus Wohngemeinschaften bestehen. Zum Beispiel aus dreckigen WGs und sauberen WGs. Wer Bock hat, in einem schmutzigen Haus zu leben, also nicht abspülen und wischen mag, der sollte das einfach tun – in einer dreckigen WG. Wer in einer sauberen Umgebung leben will, wer Bäderschrubben und Abwaschen liebt, der sollte das auch tun – in einer sauberen WG. Der Clou: Wer es sich anders überlegt, darf die WG wechseln. So wird jeder glücklich.

Ziehen dann aber nicht alle automatisch in wohlhabende WGs? Vielleicht. Wenn es dort zu eng wird, steht es ja jedem frei, anderswo hinzugehen. Regeln gibt es in den WGs – oder eben ehemaligen Staaten – nicht, es sei denn, die ganze WG beschließt gemeinsam den durchgängigen Gebrauch von Öko-Putzmitteln.

Mit anderen Worten: Anarchie bedeutet nicht, dass jeder machen kann, was er oder sie will. Anarchie ist immer ein Prozess der Abwägung, des Sich-von-Situation-zu-Situation-Denkens, des Dialogs. Das ist so wie die Abschaffung von Verkehrsregeln, das Vertrauen auf Augenkontakt und Kommunikation zwischen den Verkehrsteilnehmern. In Experimenten funktioniert das übrigens.

Was die Leute vom Exarchion-Platz in Athen sich ausmalen, klingt wie eine Erzählung aus dem Nirgendwo der fernen Zukunft. Wie eine klassische Utopie eben. Unerreichbar. Und doch versuchen die jungen Leute, ihr Ideal in Ort und Zeit zu verankern, im Europa von heute.

Besichtigen lässt sich das in einer ehemaligen Druckerei mit acht Stockwerken. Die in diesem Haus wohnen, haben es "Khora" genannt, ein von Platon geprägtes altgriechisches Wort, das mehr oder weniger "Stadt" bedeutet. Aber nicht irgendeine Stadt, sondern einen utopischen Ort, der für alle Menschen Platz bietet. Die jungen Bewohner des Khora sind aus Berlin, Edinburgh, Barcelona und anderen europäischen Städten nach Athen gereist, um diese Utopie zu zimmern, zu kacheln, in bunten Farben anzumalen und mit Teppichen auszulegen. Das Haus, das sie mit dem Geld einer britischen Hilfsorganisation günstig angemietet haben, verwandelt sich langsam in das Khora ihrer Träume. Hier sollen bald aus Spendengeldern bezahlte Lehrer in einer kleinen Schule Kinder unterrichten. Eine Kantine ist geplant, eine Frauenetage, ein Theater und vieles mehr. Geflüchtete aus Afghanistan, aus Syrien oder dem Iran sollen bald aus ihrem Alltag in den besetzten Häusern Athens ausbrechen können, um hier ein wenig Normalität zu finden.