An die 70.000 Asylbewerber sollen sich derzeit in Griechenland aufhalten. Der griechische Staat kann ihnen fast nichts bieten. Deswegen ist Elsa Terenzani eingesprungen, 26 Jahre, die kurze Jeanshose und das labbrige T-Shirt mit Holzlasur bekleckert. Seit Tagen schon schmirgelt sie Stühle und Tische ab. Eine dünne Schicht Sägemehl hat sich auf ihre Brille gelegt. "Europa sollte sein wie Khora", sagt die Kunsthistorikerin aus dem nordfranzösischen Lille. Wenn Menschen vor Krieg und Terror flüchten, sollten sie in Europa einen sicheren Ort finden. Da sind sie wieder, die safe places des Dramaturgen Falk Richter.

Das Schlimmste, was Europa passieren könne, seien "französische Verhältnisse", findet Terenzani. Sie erzählt von Nuit debout, einer Diskussionsbewegung junger Franzosen, die sich im Sommer auf öffentlichen Plätzen versammelten. "Bei Nuit debout reden und reden und reden sie nur. Über sich selbst. Aber tun nichts für die anderen." Von überall in Europa strömen junge Leute nach Griechenland, um ihren Beitrag zur Khora-Utopie zu leisten. "Nur die Franzosen sind nicht da. Zu viele kümmern sich nur noch um Frankreich." Terenzani faltet ein Stück Schleifpapier und lässt ihre Wut an einer splitterigen Tischplatte aus.

Ihr Landsmann Pierre Zaoui ist da weniger pessimistisch. "Das Besondere an Nuit debout war der Versuch, etwas Utopisches zu praktizieren. Jeder noch so Verrückte durfte sprechen, man ließ ihn ausreden und hörte zu. Es war so etwas wie ein Ort ohne Politik: ohne Machtkampf. Ohne Gewalt und Ausgrenzung. Wenigstens eine Zeit lang."

Was da beschlossen wurde, klingt nicht aufregend. Teils liest es sich wie ein grünes Reformprogramm, dann wieder einigten sich die Teilnehmer eines Ökonomie-Arbeitskreises auf eine Wirtschaft, die radikal auf direktem Tausch gründen soll, ohne Geld. Aber Genaues erfährt man nicht.

Just das meint Harald Welzer, wenn er vom "Utopieverlust" spricht. Der rühre "auch daher, dass wir eigentlich in einer guten Gesellschaft leben. In einer freiheitlichen Demokratie unter rechtsstaatlichen Bedingungen. Bloß beruht die auf einem Übernutzungsprogramm. Darauf, dass immer mehr und mehr produziert werden muss. Auf dem Raubbau an der Natur." Wie kann man den beenden?

"Nur indem die Produktion des materiellen Reichtums im Norden des Globus um 80 Prozent zurückgefahren wird", antwortet Welzer trocken. Moment mal: Das soll eine Utopie sein? Ist das nicht eher eine Dystopie, also die Vorstellung eines künftigen schrecklichen Zustands?

"Klar", entgegnet Welzer, "wenn wir die Gesellschaft der Gegenwart zugrunde legen, dann ist das beängstigend. Man braucht eben andere Vorstellungen davon, wie die Gesellschaft funktioniert." Aber welche? "Das ist ja der Utopieverlust. Wir wissen es nicht." Jetzt beißt sich die Katze in den Schwanz.

Immerhin nennt Welzer drei Schritte, drei Reformen, mit denen man anfangen könne. Sie sind wirklich radikal. Und hochpolitisch, denn in allen dreien spielt der Staat eine entscheidende Rolle – sieh an: Wenigstens auf dem Weg in eine andere Gesellschaft braucht es offenbar den Staat, sogar eine ganze Menge davon. Und das sind die drei Ideen:

Erstens: eine Gemeinwohlökonomie. Unternehmen müssten nicht nur ihre Gewinne bilanzieren, sondern auch, ob und in welchem Ausmaß sie zum Gemeinwohl beitragen. Die Belohnung wären Steuervorteile, also Subventionen.

Zweitens: Umweltkosten müssten sich in den Preisen niederschlagen, auch das geht nur von Staats wegen.

Drittens: ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle, um der Arbeit ihren Zwangscharakter zu nehmen.

Der Einwand, das sei doch utopisch, überzeugt da wenig. Nach utopischen Ideen wurde schließlich gefragt. Ein weiterer Einwand könnte sein: Eine Bürokratisierung der Wirtschaft wäre die Folge. Doch lässt sich entgegnen, dass die Wirtschaft ohnehin bürokratisiert ist, es gelte eben, die Regeln zu ändern.

Man könnte fragen, wie viel Entscheidungsfreiheit noch bleibt, wenn der Staat alles festlegt. Bloß – von wessen Entscheidungsfreiheit ist hier die Rede? Doch wohl von der des Eigentümers. Und da liegt der Kern der Sache. Alle Utopien laufen auf das Thema Privateigentum hinaus. Und es ist daran zu erinnern, dass dieses stets politisch ist, denn es wird vom Staat definiert: Er schützt es, er setzt dem Gebrauch des Eigentums – also der Freiheit, mit bestimmten Sachen zu machen, was man will – Grenzen. Das utopische Denken will diese Freiheit stärker reglementieren, viel stärker sogar – bis hin zu ihrer Abschaffung.