Laura Meschede aus München stellt sich das gar nicht so schwierig vor. Spontan entwirft sie eine Art digitalisierter Planwirtschaft, die offen bleibt für Initiativen und Innovationen. "Vielleicht so", sagt sie: "Wenn einer eine Idee für ein neues Smartphone hat, dann postet er sie im Netz, und wenn dann beispielsweise 100.000 Leute sagen: Ja, das möchte ich haben, dann wird das in den Plan aufgenommen, und er bekommt dafür die Produktionsmittel vom Staat. Okay, wenn dann ein 100.001ter dazukommt, der auch das neue Smartphone haben will, dann geht er eben eine Zeit lang leer aus. So etwas muss man in Kauf nehmen, ist ein kleineres Problem als die heutige Überproduktion."

Und wer bestimmt im Unternehmen? Alle Mitarbeiter? Oder derjenige, der die Idee für das Smartphone hatte? Oder jemand vom Staat? "Das muss man mischen, da gibt es keine Patentlösungen." Aber führt Arbeiterselbstverwaltung nicht zum Betriebsegoismus und letztlich wieder zu einer Art verdecktem Kapitalismus? Sind Vergesellschaftung der Produktionsmittel plus Rätesystem in Staat und Wirtschaft nicht längst gescheiterte Ideen? Glaubt Laura Meschede wirklich, die Wirtschaft lasse sich programmieren wie eine Maschine?

Meschede erkennt diese Probleme auch, aber die Chancen überwiegen für sie. Es muss ja nicht alles auf einen Schlag verwirklicht werden. "Das kann auch kein Land im Alleingang erreichen", sagt sie. Was sie will: eine softe Weltrevolution, an deren Ende anders gewirtschaftet wird als jetzt.

Eins ist auffällig: Utopien sind letzten Endes immer ökonomisch. "Die Wirtschaft ist unser Schicksal", sagte der deutsche Industrielle und Politiker Walther Rathenau (1867 bis 1922), und es sieht so aus, als gelte das auch fürs utopische Denken. Irgendwie traurig. Muss das so sein?

Entgegnen ließe sich, dass nur jemand, der nicht von wirtschaftlicher Sorge niedergedrückt ist, solche Fragen stellen kann. Jemand aus dem reichen Norden. Stimmt, man kann den Spieß aber umdrehen: Es sagt viel über die Welt von heute aus, wenn Ideen eines besseren Lebens im Kern stets ökonomische sind. Über eine Welt, in der trotz Fülle immer noch Not existiert. Und in der die Arbeit überwiegend Zwang bedeutet. Das hat Folgen. "Die meisten Menschen wären weniger böse, wenn sie weniger zum Erwerb gezwungen wären", so schrieb es der mehr oder weniger marxistische Utopist Ernst Bloch als junger Mann nieder. Das war vor mehr als 100 Jahren.

In Utopia aber ist die Dominanz der Wirtschaft beendet. Mit den Worten von Karl Marx: Das "Reich der Notwendigkeit" wird zugunsten des "Reichs der Freiheit" verkleinert. Zu den Erkennungszeichen einer Utopie gehört zwar die Idee, der Staat sterbe irgendwann ab, doch ihr Sex-Appeal liegt darin, dass gewissermaßen die Ökonomie abstirbt. Jedenfalls in ihrer Form als Zwangsökonomie.

Dass diese Idee alt ist, ist kein Gegenargument. Immerhin hat sie lange gehalten. Der Pariser Philosoph Pierre Zaoui fügt hinzu: "Es gibt zurzeit keine originellen Utopien, weil die Hoffnungen die gleichen geblieben sind. Die Wünsche, die Sehnsüchte. Wenn Sie so wollen: die Missstände." In der Tat: Wer den Utopien anlastet, sie seien unoriginell, sollte zunächst die unoriginelle Gegenwart kritisieren. Armut, Sorge, Exklusion oder Unterordnung haben immer denselben bitteren Geschmack, und sie provozieren seit je ähnliche Träume von Auswegen Richtung Utopia.

Doch hat sich im 20. Jahrhundert nicht Außerordentliches ereignet – die Erfahrung mit Sozialismus und Kommunismus? In den Extremfällen Russland und China bedeutete das Bürgerkrieg, Terror, Gulags, Hungerkatastrophen, viele Millionen Tote. Hat die Utopie nicht ihre Unschuld verloren? Zaouis Pariser Kollege, der 42-jährige Michaël Fœssel, antwortet, solche Schrecknisse seien nicht die Folgen utopischen Denkens, sondern der "instrumentellen Vernunft" gewesen, für die der Zweck die Mittel heilige. Niemand wolle die totalitären Großversuche des 20. Jahrhunderts wiederholen.

Die Utopie ist eine emotionale Tatsache. Sie kann die Körper bewegen

Tatsache ist aber, dass der utopische Geist seither keinen Raum mehr hat im Politischen. Niemand gibt ihm Quartier. Nicht die Sozialdemokraten, nicht die Grünen, bei denen er früher wohnte. Sie haben ihn vertrieben, sicherlich zum eigenen Vorteil. Doch die Rolle des Weltverbesserers ist seither unbesetzt.

"Machen Sie sich keine Sorgen", kommentiert Alain Touraine. Der Nestor der französischen Soziologie erwartet für das 21. Jahrhundert massive Konflikte, deren Triebkraft die Moral sein werde. Touraine ist 91 Jahre alt, lehrt noch immer, schreibt unentwegt Bücher und mischt sich in die Politik ein. "Ich habe wahrlich Klassenkämpfe miterlebt", sagt er, "aber die Zeit ihrer Vorherrschaft ist vorbei. Heute kämpfen Individuen darum, dass es gut zugehe in der Welt und nicht böse." Dass auch in Klassenkonflikten stets moralisch argumentiert wurde, hat einer wie Touraine nicht vergessen, aber heute träten ethische Motive nicht mehr bloß als Verbrämungen sozialer Interessen hinzu, sondern als eigenständige Gründe, zu handeln. Der Klimaschutz, die Ansprüche des Südens, der Kampf um die Menschenrechte würfen allesamt die Frage nach einer ethisch gerechtfertigten Weltordnung auf.

Wenn der große Touraine recht hat, dann wäre jetzt wieder die Zeit der utopischen Ideen, die Ansprüche an die Welt formulieren. "Es genügt nicht, über die Rettung der Demokratie oder der Umwelt nachzudenken", sagt der Philosoph Michaël Fœssel. "All das Bisherige hat doch dazu geführt, dass wir Katastrophen vor Augen haben. Nein, das Bestehende selbst muss kritisiert werden. Die Utopie", fährt er fort, "dient als Instrument, um die Gegenwart zu messen. Sie erzeugt eine Differenz zur Realität."

Die Utopie stellt die Wirklichkeit infrage und fordert von ihr Rechtfertigung. Aber sie gründet nicht nur auf Überlegung, sondern auch auf Sehnsucht, sie ist eine emotionale Tatsache. Eine Macht, die den Körper bewegt. Den Bürger als Person. Hinaus auf die Straßen, die Plätze und sonst wohin. Sagen wir es so: Es ist an der Zeit, die Demokratie mit utopischen Ideen aufzufrischen.