Der verrückteste Vorwurf, der dem alten Herrn gern gemacht wird, lautet: Er habe in Wahrheit nichts Neues zu sagen. Alles, was ihm den Ruf eines Erneuerers eingebracht habe, sei doch längst da gewesen, mindestens bei Papst Benedikt XVI., wenn nicht schon bei Johannes Paul II. – es sei nur vergessen worden, nein: arglistig ignoriert. Warum lesen die Leute es nicht in den alten Apostolischen Schreiben nach? Dann würden sie merken, dass die Revolution in Rom eine Wunschprojektion ist und dass der vermeintliche Revolutionär die Begeisterung des Kirchenvolks nicht verdient.

Wenn man dies zum ersten Mal hört von einem altgedienten Vatikanmitarbeiter, in seinem Stammcafé in der Via della Conciliazione, zwischen Cappuccino und Pressemeldung aus der Sala Stampa, dann ist man platt. Der Experte nennt Textstellen bei früheren Päpsten, wo alles schon vorformuliert worden sei, was nun in den Schriften von Franziskus wieder auftauche: seine Kapitalismuskritik in Evangelii gaudium, seine grüne Agenda in Laudato si’, seine Familienethik in Amoris laetitia. Alles Kanon respektive Schnee von gestern? Wirklich? Der argentinische Papst ein Scheinriese? Ein Blender, der mit den Gedanken seiner Vorgänger groß rauskommt?

Man möchte es den Kurienkennern, die nun schon ihr Leben lang in Rom ausharren, gern glauben. Wenn nur der Ton nicht so aggressiv wäre, die Abneigung gegen diesen Jorge Mario Bergoglio so schlecht verhohlen. Es dauert auch nicht lange, bis der gegenteilige Vorwurf auf den Tisch kommt: wie der neue Papst das Staatssekretariat auf den Kopf gestellt habe, welche Verwirrung er überhaupt in der Kurie stifte mit seinen fixen Personalentscheidungen und erst recht mit seiner unklaren Theologie. Man wisse gar nicht mehr, was gelte, und manche seiner Thesen erscheine im Lichte der Lehre höchst fragwürdig. So fragwürdig, dass – an dieser Stelle senkt der Gesprächspartner verschwörerisch die Stimme – in der Glaubenskongregation bereits Anzeigen wegen Häresie vorlägen.

An dieser spannenden Stelle verbietet es sich leider, nachzufragen, ob denn Bergoglio auch seine Häresien bei den anderen Päpsten abgeschaut oder diese selber erfunden habe. Man möchte die internen Papstkritiker, die seit 2013 offenbar so viel zu leiden haben, nicht noch brüskieren. Und, im Ernst, ein bisschen gruselt es einen auch als Protestant, wenn die Katholiken im Vatikan, im Herzen der katholischen Kirche, ihr Kirchenoberhaupt als Häretiker verdächtigen.

Wo waren wir stehen geblieben? Der neue Chef. Dass er tatsächlich etwas Neues will, kann man problemlos seinen täglichen Reden und Predigten entnehmen. Im letzten Apostolischen Schreiben vom November wiederholte er, dass es beim Glauben nicht auf das Gesetz ankomme, sondern auf die Liebe als entscheidendes Wesensmerkmal Gottes. Weil Gott barmherzig sei, sollten die, die an ihn glauben, es auch sein. – Klingt logisch, aber ängstigt offenbar viele Kirchenrechtler und Kurienfunktionäre, die sich bisher erfolgreich an der Gesetzestheologie festhielten.

Besonders komisch ist, dass auch Linkskatholiken, die erst über Ratzinger murrten, nun mit Bergoglio unzufrieden sind. Während die Rechten ihn für einen radikalen Linken halten, halten die Linken ihn für einen heimlichen Rechten. Sonst hätte er doch längst neue, verbindliche Freiheitsregeln gemacht! Sonst würde er deutlicher sagen, wo es jetzt langgeht! Manche Katholiken müssen sich noch daran gewöhnen, dass sie einen Papst haben, der sagt, wo vorn ist, aber sie nicht dorthin trägt. Sie hätten gern einen unfehlbaren Entscheider, statt selber entscheiden zu müssen.

Selber denken ist ungemütlich und macht Kopfzerbrechen. Also meckern sie über den Chef und merken gar nicht, dass sie mit ihrem Wunsch nach neuen Ansagen von oben päpstlicher sind als der Papst.